Die Sogwirkung des Wahns

Folgendes habe ich diese Woche erlebt. Ich habe zwar eine gute Phase und paranoide Gedanken eigentlich gut im Griff aber manchmal passieren immer noch Mini-Episoden wo ich den Halt verliere. Das gehört bei einem chronischen Verlauf leider dazu. So auch dieses mal.

Ich hatte die letzten 2 Wochen viel Spaß am Magic Spielen mit meinen Therafreunden.“Magic The Gathering“ ist ein sehr bekanntes Fantasy Kartenspiel das 50 Millionen Menschen auf der Welt spielen und das es schon seit 30 Jahren gibt. Als Magier befehligt man Kreaturen und wirkt Zaubersprüche um die Lebenspunkte des Gegners von 40 auf null zu bringen. Es ist sehr komplex und hat viel mit Taktik zu tun und wie man sein Deck baut, also welche Kreaturen und Zaubersprüche in den Stapel kommen. Es gibt schon 30.000 verschiedene Magickarten mit teilweise sehr schönen Illustrationen und Hintergrundgeschichten. Die Karten sind eigene kleine Kunstwerke. Manche dieser Karten sind seltener als andere und ziemlich teuer. Manche Magicspieler geben mehrere hundert Euro im Monat für neue Karten aus. Für den Hersteller Wizards of the Coast (Mutterkonzern Hasbro) ist Magic seit Jahrzehnten eine Goldgrube. Im Jahr 2025 erwirtschaftete Magic: The Gathering über 1,72 Milliarden US-Dollar Umsatz.

Meine Therafreunde haben seit einer Weile den Magic Friday wo den nachmittag/abend Magic gespielt wird und haben mehrere sogenannter Decks mit denen sie gegeneinander antreten, man kann es auch mit mehreren Personen spielen, dabei hat jeder seine eigenen Karten und seine eigenen Decks.

Irgendwann hatte ich Lust mitzumachen, ich habe das Spiel in meiner Schulzeit schon gespielt, hatte dann aber 20 Jahre Pause. Ich habe mir ein teures Engeldeck gekauft welches ziemlich das Spiel rockt (und ich finde Engel cool).

Vor ein paar Tagen dann habe ich dann einen christlichen Newsletter gelesen wo vor Fantasythemen gewarnt wird, das hat mich verunsichert. Viele freikirchliche Christen lehnen Spiele wie Magic ab und behaupten es komme vom Teufel, weil in der Bibel Magie und Zauberei verboten ist. Oder auch Harry Potter, Pen&Paper Rollenspiele und Herr der Ringe.

Ich sehe das (eigentlich) nicht so streng und versuche ein moderner Christ zu sein, aber wenn es mir nicht gut geht kommen da Gedanken ich tue etwas verbotenes und dass ich dafür bestraft werde. Leider habe ich eine Geschichte von religiösen Psychosen und hatte wahnsinnige Angst vor den Themen Hölle und Teufel, die Schattenseite der Religion. Wenn der Stress groß ist spielt mein Gehirn verrückt und die alten Muster, Gedanken und Erinnerungen klopfen wieder an und machen mir wieder große Angst. (Was ist wenn der Teufel doch real ist und mich vernichten will? Was wenn die dogmatischen Prediger recht haben?). Ich nehme das Christsein ernst, lasse mich dabei aber leider manchmal von freikirchlichen Dogmen beeinflussen.

Durch meine Paranoia sehe ich dann überall Zeichen und Hinweise, je nach dem was gerade das Thema ist um das ich kreise. Letzten Monat war es das Rauchen, dann Schmerzen in der Brust, dann die Sorge ums Geld und die Zwischenmiete, dann widerum ein schwieriger Mensch in meinem Leben. Diesmal ist es Magic. Mein Gehirn neigt zu obsessiven Gedanken und sucht sich immer etwas neues. Sogartiger Wahn entsteht und ich versuche ihn loszuwerden, weil ich wieder wie jeder Mensch mich nach Gesundheit und Stabilität sehne. Ich will einfach normall sein und die Krankheit macht mir einen Strich durch die Rechnung. Das tut weh!

Gestern war es auch so, ich habe vor unserer magic runde ein buch gelesen (Faust von Goethe) und da wurde im letzten Satz des Kapitels die Hölle erwähnt, ein Thema das mir oft, wie berichtet, große Angst macht. Das hab ich dann wieder als Zeichen gesehen dass ich etwas verbotenes tue, ich habe das Spiel aber trotzdem gespielt und den Gedanken beiseite geschoben. Wir haben 2,5 Stunden gespielt und das Thema blitzte zwischendurch auf. Das Spiel hat mir Spaß gemacht (und ich habe 2 mal mit meinen starken Engeln das Spiel gewonnen), war aber gegen Ende überlastet. Ich habe mich hingelegt und die üblichen Zwangsgedanken über mich ergehen lassen bis es mir nach einer halben Stunde besser ging. So weit so gut.

Dann hatte ich einen beunruhigenden Traum dass Magic real ist und dass eine übermächtige Präsenz mich vernichten will, dann bin ich aufgewacht

Da kam der Gedanke wieder dass die unsichtbare Welt, der Teufel und der spirituelle Krieg auf der Welt doch existieren und das meine Seele in Gefahr ist.

Auf der anderen Seite weiß ich dass man das auch einfach Paranoia nennen kann und das es nichts mit der stinknormalen Realität zu tun hat? Diese Gedanken haben eine starke Sogwirkung die von der Schizophrenie kommen, es ist sehr schwer sich davon zu lösen. Diese Gedanken sind so verführerisch. Ich mache mir klar das es nicht die Realität ist, aber da schwingt die Leise Stimme mit: „Was wenn es doch real ist“? Dann wäre ich verloren. Wie soll ich das aushalten?

Ich denke mein Gehirn sucht nach Erklärungen und Kontrolle über eine diffuse Angst, eine ungewisse Welt und baut sich dann solche Wahngebäude, weil es leichter zu ertragen ist einen konkreten Feind zu haben statt mit diesem Kontrollverlust zu leben. Es ist auch ein tiefsitzendes Misstrauen in die Welt in der ich lebe, ausgelöst durch meine zahlreichen schlimmen Erlebnisse und psychotischen Episoden.

Nun bin ich gerne Christ, die Gottesdienste, Predigten, Lobpreislieder und die Gemeinschaft tun mir gut. Ich bete auch regelmäßig. Ich möchte aber aus Freude glauben und nicht aus Angst. Ich möchte den Verheißungen, dem Gebot der Nächstenliebe und Jesus Christus folgen. Ich glaube daran dass er sich in meiner Seele tummelt, Wunder gewirkt hat und mich gesund machen will. Ich glaube daran dass es einen guten Plan für mich gibt, dass Gott mich versorgt und am Ende alles gut wird. Wie gehe ich nun mit dieser Schattenseite von Hölle und Teufel um?

Manche Prediger sagen der Teufel ist der Fürst dieser Welt, sitzt in unseren Gedanken und zieht alle Register um uns von Gott wegzulocken und uns zu zerstören. Sie propagieren einen spirituellen Krieg zwischen Gut und Böse der auf der Welt tobt

Ich merke langsam (und diesen Gedanken hatte ich schon oft) dass mir dieses Weltbild zu extrem ist. Ich erkenne dass für einen Menschen mit paranoider Schizophrenie der Gedanke an „einen Feind im Kopf“ ein Minenfeld ist und schädlich für die mentale Gesundheit. Ich möchte ein guter Christ sein, aber ich will mir andererseits nicht solche Angst einjagen lassen. Ich will das nicht mehr.

Mein Rehafreund sagte, er glaube nicht an diesen „freikirchlichen Nonsens“ und man dürfe ruhigen Gewissens Magic spielen. So kann man es auch sehen. Das ist ein Problem in meinem Leben: ich orientiere mich zu sehr an anderen Meinungen und Menschen. Welche Position soll ICH einnehmen, wie soll ich mich entscheiden?

Langfristig zu lernen wie ich mit diesen wahnhaften Gedanken umzugehen ist meine Aufgabe und meine Verantwortung und die will ich übernehmen.

Ok, ich habe mein Magic Deck für eine Weile in die Schublade verbannt und warte ab bis diese Gedanken verblassen und ich wieder Boden unter den Füßen habe. Vielleicht kann ich es mit etwas Abstand wieder gelassener sehen und die Engel kommen wieder zurück aufs Schlachtfeld. Warten wir’s ab.

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