
Liebe/r Leser/in,
ich bin nun in der 12. Woche meiner Langzeittherapie in Heilbronn und stelle seit einer Weile eine deutliche Verbesserung meiner mentalen Gesundheit fest. Seit längerer Zeit hatte ich keine Krise mehr – fast schon ungewohnt, aber eine sehr erfreuliche Abwechslung. Auch Außentermine wie Restaurantbesuche mit Freunden und der WG klappen weitestgehend ohne die Ängste, die ich von früher kenne.
Ein großer Baustein dafür ist positives „Denkfutter“ in meinem Kopf. Ich ertappe mich immer öfter dabei, wie ich Sätze denke wie:
- Kein Stress, keine Gefahr.
- Ich bin in Sicherheit.
- In der Ruhe liegt die Kraft.
- Alles ist gut, wie es ist.
- Realität ist gut, wie sie ist.
Durch Neuroplastizität haben sich diese guten Gedanken mit der Zeit eingeschliffen und kommen immer öfter wie von selbst in mein Bewusstsein. Das Gehirn will schließlich ständig etwas denken – warum also nicht etwas Erbauliches? Auch das Summen oder Denken von Lieblingssongs ist eine tolle Strategie, um den Kopf auf sanfte Art zu beschäftigen.
Wenn du selbst in einem Umbau deiner Verfassung steckst, gilt: Hab Geduld! Es dauert ein paar Monate, bis die Gefühlswelt nachzieht. Bleib dran, langfristig spürst du eine Veränderung.
Die Ängste sind zwar noch nicht ganz weg, aber ich kann sie viel besser akzeptieren und mich stattdessen um meine Aufgaben kümmern.
Ich sitze oft in der Arbeitstherapie und denke „Ok, hier bin ich richtig um an mir zu arbeiten“, „Ich bin hier in Heilbronn auf der Erde und das ist gut so“, „was ist jetzt?“, „was kann ich sehen und anfassen?“. Ich versuche den Fokus weg von der Innenwelt zu bekommen und nach außen zu richten: „Ah, da ist der blaue Himmel“, „Da ist ein Auto“, „Aha, da ist ein anderer Mensch, wie sehen seine Schuhe aus?“. Auf dem Weg ins Thera sitze ich im Bus und denke „Ok, stinknormaler Alltag auf der perfekten Erde. Was brauche ich heute, damit es mir gut geht?“. Manchmal höre ich dazu meine Lieblingsmusik.
Oft führe ich einen kleinen Plausch mit meinen Mitpatienten, alle sind super nett. Der Vormittag ist strukturiert, ich mache jeden morgen meine Morgenroutine mit duschen, Frühsport, beten, frühstücken und fahre gemütlich mit dem Bus 10 Minuten ins Therapeutikum. Dort angekommen habe ich noch etwas Freizeit bis Therapiebeginn und sitze draußen im Café und trinke einen Kaffee und rauche eine Zigarette.
Der Start ist manchmal etwas holprig und die alten Ängste klopfen wieder an die Tür. Aber kein Problem, ich lebe damit und konzentriere mich auf meine Aufgaben, Schritt für Schritt! Meine Maßnahme dauert bis 15.11.26 aber es kommt vielleicht danach eine berufliche Phase. Dann wird es Zeit für Praktika und die Gelegenheit meine Belastbarkeit in einem realen Setting auszutesten.
Der Gamechanger: Eine sinnvolle Beschäftigung. Dieser Punkt ist für die langfristige Genesung extrem wichtig! In meinem Fall habe ich das Webdesign wiederentdeckt, das mir früher so viel Freude bereitet hat. Letzte Woche war ich im absoluten Designrausch und habe drei Webdesigns erstellt. Ich kann mich darauf hochfokussiert einlassen, die Zeit in der Arbeitstherapie vergeht wie im Fluge, und es ist eine super Übung für ein späteres Praktikum. Mein Tag füllt sich mit sinnvoller Arbeit, Sorgen treten in den Hintergrund.



Eine RPK (Rehabilitation psychisch Kranker) wird von der Rentenversicherung finanziert um psychisch kranke Menschen einen Weg zurück auf den ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Viele Menschen haben bemerkenswerte Fähigkeiten kommen aber mit Arbeit nicht mehr zu recht und kämpfen mit ihren Symptomen. Diese Form der Langzeittherapie ist für solche Menschen geeignet. Ich finde es großartig und bin dankbar dass die Rentenversicherung so viel Geld in mich investiert. Wenn du mit deinen Symptomen in einer Sackgasse steckst, gerne wieder arbeiten würdest aber noch nicht so leistungsfähig bist wie früher, vielleicht wäre so eine Maßnahme auch etwas für dich?
Ich für meinen Teil fühle mich hier sehr wohl und mache deutliche Fortschritte. Die vielen sozialen Kontakte in Thera und WG tun mir auch sehr gut. Wir sind eine gute Patientengemeinschaft, kochen viel zusammen und unternehmen etwas in unserer Freizeit.
Ein weiterer Anker ist die Achtsamkeit durch kleine Micro-Awareness-Inseln im Alltag:
- „Ah, das ist der Boden, der mich trägt.“
- „Wie schmecken eigentlich meine Haferflocken?“
- „Da ist der blaue Himmel.“
Meine Reha ist nun zu etwa einem Drittel vorbei, und mein Protokoll belegt die Fortschritte: Seit zwei Wochen keine nennenswerte Krise und kein Diazepam nötig.
Wie ist es bei dir? Vielleicht passt eine Teilzeitarbeit aktuell nicht in deine Lebenssituation. Aber was könnte stattdessen deine Beschäftigung sein? Die Möglichkeiten sind vielfältig:
- Origamis falten und auf Instagram stellen: Schult die Feinmotorik, bringt Ruhe durch repetitive Handgriffe und sorgt für kleine Erfolgserlebnisse.
- Mandalas ausmalen oder Zeichnen: Senkt den Stresspegel und bietet sichtbare Ergebnisse ganz ohne Leistungsdruck.
- Mini-Kräutergarten anlegen: Gibt eine sanfte, tägliche Struktur und erdet durch den Kontakt mit der Natur.
- Gitarre spielen: Spricht andere Hirnareale an und vermittelt durch das Erlernen kleiner Passagen schnelle Fortschritte.
- Strategie- und Aufbauspiele: Fordern das logische Denken und erlauben kreatives Gestalten in geschützter Umgebung.
Was hilft dir in schwierigen Phasen oder beim Abschalten? Schreib es mir gerne in die Kommentare!
Guten Tag Herr Rukavina,
danke, dass Sie mir Ihren Blog gezeigt haben.
Ich habe nun zwei Tage in der RPK-Maßnahme verbracht in der sowohl nicht viel als auch einfach alles passiert ist für mich.
Zwar wurden mir die meiste Zeit nur Dinge erklärt oder ich sollte Papiere unterschreiben, aber zugleich war es auch sehr aufreibend für meine Nerven.
Ich versuche es zwar zu ignorieren, aber ich spüre wie dies meiner Krankheit nicht wirklich gefällt.
Meine Hoffnung ist nun eine schnelle Gewöhnung an diese Umstände und wieder ruhe für mich zu finden, damit diese Angst, zumindest vorerst, wieder verschwindet.
Ich werde die nächsten Tage immer mehr in Ihren Blog lesen und freue mich jetzt schon über spannende Tipps, Tricks und Geschichten auf Ihrer Erfahrung, da ich nach so etwas schon recht lange suche.