
Viele Jahre lang habe ich mich mit Händen und Füßen gegen meine Diagnose Schizophrenie gewehrt und wollte einfach nicht wahrhaben, dass ich nicht so belastbar bin wie andere Menschen. Ich hatte den Gedanken ich MUSS gesund werden und arbeiten! Wieder der Perfektionismus. Der führte die letzten Jahre dazu, dass ich immer wieder beruflich und in der Reha in die Überforderung gerannt und gescheitert bin. Ich war frustriert und enttäuscht dass es einfach nicht so läuft in meinem Leben wie ICH das gerne hätte.
Früher hatte ich große Erfolge mit meinem Impro und als Sänger und schaffe es (noch) nicht, diese wieder aufleben zu lassen und wieder auf mein altes Spielniveau zu kommen. Vielleicht werden diese Zeiten „nie“ wieder kommen? Schwer zu sagen. Es hilft nicht, sich unter Druck zu setzen.
Nun bin ich seit 3 Monaten im Therapeutikum in Heilbronn zur Langzeittherapie und arbeite in einem sicheren Rahmen Schritt für Schritt an meiner Belastbarkeit und habe gute Erfolge vorzuweisen. Aber: Ich sehe auch ein dass ich eine chronische psychische Erkrankung habe. Ich habe immernoch starke Ängste und Krisen alle 5 bis 6 Tage. Das geht nun seit Jahren so und geht vielleicht nie wieder weg. Zwar bleibe ich von schweren psychotischen Episoden verschont und bin „einigermaßen“ stabil, aber Unwohlsein und schlechte Gedanken begleiten mich jeden Tag. Das muss ich einfach akzeptieren.
Bis auf die Ängste läuft es eigentlich ganz gut. Ich habe in der Arbeitstherapie meinen Laptop dabei, mache Webdesign, neue Dokumente und schaue mir Videokurse an. Die letzte Stunde in der AT mache ich etwas handwerkliches zur Abwechslung, zur Zeit bastle ich eine Schachtel. Ich halte mich handwerklich für sehr unbegabt aber es macht trotzdem Spaß! Es ist eine schöne Ergänzung zu meinen digitalen Themen.
Ich habe eine gute Perspektive. Die Arbeitszeit wird schrittweise in einem angenehmen Tempo erhöht und ich habe die Zusage dass meine medizinische Phase um 3 Monate verlängert wird und danach eine berufliche Phase kommt. Dafür habe ich schon viele, konkrete und realistische Ideen. Auch mit der Freizeitgestaltung läuft es etwas besser. Ich mache jeden Tag meine Mental Health Stunde oder gehe 3 mal die Woche ins Fitness. Diese Woche war ein Mitpatient dabei mit dem ich mich angefreundet habe und vielleicht trainieren wir jetzt gemeinsam. Freitags machen wir Spieleabende mit meinem Lieblingskartenspiel „Munchkin“, wir sind eine lustige Runde und haben viel Spaß zusammen.
In der WG wird gemeinsam gekocht und gegrillt und diese Woche am Sonntag gehen wir ins Kino. Mit singen, Gitarre, Serien und Lesen habe ich weitere schöne Beschäftigungen.
Ich bin morgens sehr entspannt und motiviert und fahre gemütlich ins Thera. Dort ist immer der Start etwas holprig und ich muss manchmal etwas kämpfen und die Zähne zusammenbeißen damit ich den Tag schaffe. Ich bin dabei mich immer wieder trotz des Unwohlseins ins hier und jetzt zurückzuholen.
Das ist einerseits sehr unangenehm, aber gleichzeitig weiß ich, das nichts schlimmes passiert! Ich darf jederzeit in den Ruheraum, ich darf jederzeit mein Bedarfsmedikament nehmen, ich darf jederzeit nach hause, ich darf jederzeit in die Psychiatrie nach Weinsberg wenn es mir mal richtig schlecht gehen sollte. Das sind meine „Verteidigungslinien“.
Das ich ins Krankenhaus komme ist sehr unwahrscheinlich, ich habe die letzten 14 Wochen jeden Theratag gemeistert, kann immer gut schlafen auch wenn ich mal eine Krise habe und die Wahrscheinlichkeit ist hoch dass es weiter so laufen wird. Meine Ärzte und Betreuer sind angetan von meinen Plänen und Fortschritten und im Großen und Ganzen sitze ich fest im Sattel, trotz meines Ringens um Stabilität.
Da läuft trotz aller Erfolge immer (seit Jahren) ein Film mit, das Gefühl dass sich das Gehirn bedroht fühlt obwohl objektiv alles in Ordnung ist und es keine Gefahr für Leib und Leben gibt (ich nenne es „Abgrundgefühle“). In meinem Alltag habe ich ein sehr positives Selbstgespräch entwickelt dass mich zuverlässig durch den Thera-Alltag und meine Freizeit trägt. Blöde Gedanken, Gefühle und Ängste sind aber immer noch da. Und die werden auch nicht so schnell weg gehen. Ich habe Zeit!
Früher war es so, dass ich mir in guten Phasen sobald es etwas besser lief mir Termine reingeknallt habe und diese und jene große Idee verfolgte bis der nächste Dämpfer in Form einer Krise kam. Hier habe ich dazugelernt und weiß die „Thera-Basics“ und meine Alltagsstabilität haben Vorrang vor großen Träumen und Ideen. Meine Psychologin sagte immer „Lieber langsam und sicher, statt schnell und riskant“. Das möchte ich in Zukunft beherzigen.
Werde ich wieder ganz gesund (mein Motto lautet ja „Die Seele will gesund werden“)? Vielleicht nein! Aber das ist überhaupt nicht schlimm, denn das Leben ist immernoch lebenswert, auch MIT einer chronischen, psychischen Erkrankung. Ich genieße meinen Morgenkaffee mit Zigarette, habe Freude am Webdesign und Texte schreiben (wie diesen Blog), das gute Essen in der Kantine, das Training, das Lesen schöner Bücher, ich bin schmerzfrei, ich habe essen und trinken. Ich habe meinen Glauben, meine zuverlässige Technik und genug Geld auf dem Konto! Ich habe tolle Freunde im Thera gefunden und ich bin gut in die Patientengemeinschaft eingebunden. Ich habe eine berufliche Perspektive mit Webdesign oder dem Schreiben meiner Texte.
Alles Gründe sich zu freuen. Schizophrenie und Ängste hin oder her. Ich kann nicht alles machen was ich gerne würde und vielleicht muss ich noch eine ganze Weile mit Einschränkungen leben. Das ist OK! Mein Leben ist gut so wie es ist und ich finde es einfach „geil“ am Leben zu sein, noch lange auf dieser perfekten Erde leben und mich entfalten zu dürfen. Ich bin zuversichtlich und habe Vertrauen ins Leben.
Mein Ziel ist jetzt nicht mehr „100% gesund werden“ sondern „stabil bleiben“ und Freude am Leben haben! Dafür habe ich noch viel Zeit und werde jeden Tag besser – in meinem Tempo und ohne Druck. Genau darum geht es beim Begriff „Recovery“.
Wie steht es mit deiner Krankheitsakzeptanz? Ich freue mich über E-Mails und Kommentare.