
Es war mir lange nicht klar, aber sehr oft produziert das Gehirn einfach nur nicht hilfreichen Müll. Mein bester Freund Johann den ich schon lange kenne lebt mit dem Tourette Syndrom. Aus heiterem Himmel sagt er Dinge wie „Ach ich will ein Nazi sein, ich bin eine Erbse“, „ach ich bin Genozid“. Und was mich immer wieder beeindruckt, es macht ihm überhaupt nichts aus! Im Gegenteil. Johann ist für mich ein Vorbild an Gelassenheit und Lebensfreude. Manchmal sitzen wir nur schweigend auf dem Balkon und wenn er mal ein Tourette hat dann lachen wir gemeinsam darüber. Johann erschrickt sich nicht und er schämt sich nicht, er weiß dass es einfach nur seine Ticks sind die nichts über seinen Charakter aussagen und sie schränken ihn in seinem Leben nicht ein. Und seine Mitmenschen wissen das auch. Das ist das Entscheidende. Andere Menschen würden vor Scham jedesmal tausend Tode sterben und sich völlig zurückziehen und verkriechen. Nicht so, Johann. Er lebt damit als sei es das normalste auf der Welt. Warum soll ich dann nicht mit meinem geistigen Müll umgehen können?
Müllgedanken, schockierende, unsinnige Gedanken, Zufallsprodukte des Geistes sind menschlich und völlig normal! Wir haben 60.000 Gedanken am Tag. Und viele davon sind überhaupt nicht hilfreich.
Unser Gehirn ist nicht darauf programmiert dass wir uns immer gut fühlen und glücklich sind sondern darauf zu überleben. So analysiert, vergleicht, plant, bewertet das Gehirn pausenlos und erzeugt dabei Müll. Wie Sägespäne beim Hobeln. Das muss uns überhaupt nicht beeindrucken (wie Johann und seine Ticks).
Der „negativity bias“ besagt dass wir zudem zu negativen Gedanken tendieren weil das für unser Überleben als Steinzeitmenschen förderlicher war. Wenn ich ein Rascheln im Gebüsch höre bekomme ich vielleicht Angst obwohl es nur eine Maus war, aber wenn es doch ein Tiger gewesen wäre, wäre ich jetzt vielleicht seine nächste Mahlzeit geworden.
Manchmal spielen wir schockierende Szenarien durch und halten uns für psychisch krank. „Was wenn ich jetzt das Lenkrad herumreiße und in die Gegenspur fahre?“, „was ist wenn ich jetzt aus diesem Fenster springe?“ Das Gehirn spielt solche Szenarien durch um sie zu bewerten und einzuordnen. Wir würden nichts davon tun, die Tatsache dass wir vor solchen Gedanken erschrecken ist völlig gesund! Es entspricht nicht unseren Werten solche Dinge zu tun und es sagt nichts über unseren Charakter aus. Etwas anderes würde gelten wenn wir über den Gedanken jemandem Schaden zuzufügen mit Vorfreude oder gar Erregung reagieren würden.
Viele Mütter haben Angst mit ihrem Baby und einem Messer in einem Raum zu sein, weil sie den Impuls haben ihr Neugeborenes zu erstechen. Es ist das letzte was diese Mütter tun würden.
Der empfindliche Flughafenscanner
Problematisch wird es, wenn man wie ich, sehr auf sein Innenleben fixiert ist. Der Vorteil ist, dass ich sehr reflektiert bin und meine Gefühle benennen und ausdrücken kann, was mir beim Schreiben sehr von Vorteil ist. Zudem, wenn man mit Wahngedanken zu tun hat, braucht man einen Warnblinker; wir müssen über das Denken nachdenken – das nennt man auch „Metakognition“.
Ich persönlich übertreibe es damit leider ganz gerne. Ich bin sehr darauf bedacht, mich non-stop zu beobachten und kranke Gedanken zu erkennen und vermeiden zu wollen. Es ist, als wäre in meinem Seelenflughafen ein teurer, hochleistungsfähiger Gepäckscanner installiert, der einfach nur viel zu empfindlich eingestellt ist. Jede harmlose Deo-Dose im Rucksack wird sofort als Sprengsatz gemeldet und die Sirene heult auf. Wenn mein Gefahrenscanner ein vermeintliches „gefährliches Gepäckstück“ entdeckt, schlägt er Alarm: „Aha, da ist eine sexuelle Perversion!“ – und dieser Gedanke führt unweigerlich zu dem Schluss: „Aha, ich bin immer noch nicht gesund.“
Das Gute ist: Ich muss das teure Gerät nicht wegwerfen. Es war damals zudem überlebensnotwendig, um meine Wahngedanken einzuordnen, und hat mir den Arsch gerettet. Aber heute ist es zu einer Last geworden. Ich muss es nicht verschrotten, (es ist ein high-tech Gerät und war sehr teuer)sondern eine feinfühlige Neukalibrierung durchführen. Auch hier hilft uns wieder die Neuroplastizität: Die eingeschliffenen Muster brauchen Zeit, um sich aufzulösen, aber Schritt für Schritt lernen wir, den Empfindlichkeitsregler wieder herunterzudrehen.
Die Amygdala lernt nicht durch logische Argumente („Es ist doch gar kein Tiger da!“), sondern durch Erfahrung. Sie muss hundertmal erleben: „Der blöde Gedanke kam, ich habe nichts dagegen unternommen, und rat mal was – wir sind immer noch nicht gestorben.“ Erst nach der hundertsten Wiederholung speichert das System ab: Okay, das ist keine echte Bedrohung mehr, wir können die Sensitivität senken.
Zusammengefasst: Das Gehirn ist eine wunderbare Maschine, die uns das Überleben sichert, produziert dabei aber manchmal nicht hilfreichen Müll. Das ist einfach nur menschlich und an sich noch kein Zeichen von psychischer Krankheit (da kommen noch weitere Faktoren hinzu). Wie bei Johann und seinem Tourette haben wir gesehen, es ist die Bewertung eines Gedankens der den Schmerz verursacht. Wir können solche Gedanken bedenkenlos akzeptieren und loslassen, sie sagen nichts über unseren Charakter aus.
Du bist vielleicht gesünder als du denkst.