
Warum führen wir manchmal nicht das Leben das wir gerne führen würden? Um ein gutes, werteorientiertes Leben zu führen brauchen wir positive Gewohnheiten. Aber warum ist es so schwer sich zu verändern und diese zu entwickeln? Warum melden wir uns im Fitnesstudio an und statt hinzugehen versumpfen wir auf der Couch obwohl wir wissen das Training gut für uns ist?
Hier sind die 11 Feinde nachhaltiger Entwicklung
1) Angst zu scheitern
Nehmen wir an wir liegen mal wieder im Bett und denken „Eine Runde Singen würde mir jetzt gut tun“. Aber da ist eine Sperre, eine Barriere die uns daran hindert so dass wir lieber liegen bleiben. Das Gehirn bevorzugt altes und Bekanntes auch wenn der Zustand unbefriedigend ist. Es scheut das Risiko.
Da ist das diffuse Gefühl „was wenn es keinen Spaß macht und ich abbreche? Dann bin ich enttäuscht von mir und es geht mir noch schlechter als jetzt. Rein logisch ist es Unsinn so zu denken, wenn wir scheitern und tatsächlich nach 3 Minuten aufhören zu singen dann sind wir genau so weit wie vorher, hätten es aber wenigstens versucht. Wir verpassen die Chance dass es uns vielleicht doch eine halbe Stunde Freude gemacht hätte. Der Erste Schritt ist der schwerste und wenn man ihn wagt ist es oft doch besser als gedacht. Gehe das Risiko ein scheitern zu dürfen. Im Improvisationstheater ist die Erlaubnis zu scheitern ein Kerngedanke. „Scheiter heiter“ sagen wir im Impro denn im Risiko liegt die besondere Chance das etwas großartiges gelingt. Zum Beispiel eine super gelungene Gesangseinlage bei der spontan gereimt wird und großartige Szenen entstehen. Kein Risiko (wir bleiben auf Nummer sicher) – keine Belohnung. Und wenn es krachend schief geht, na und? Es passiert nichts schlimmes! Sich einmal auf der Bühne knochentief zu blamieren hat etwas sehr befreiendes. Die Angst davor ist nur in unseren Köpfen.
Ein guter Improspieler geht spontan Risiken ein weil er auf sein Talent vertraut und das ist die große Kunst die die Zuschauer beeindruckt. „Was der sich traut, das könnte ich nie“. So habe ich als Zuschauer früher auch oft gedacht, dann gründete ich irgendwann eine Improgruppe und stand oft auf der Bühne. Auch wenn ich vor jedem Auftritt gestorben bin vor Lampenfieber. Ich habe gelernt mir und meinen Mitspielern zu vertrauen und zu liefern. Wer nicht wagt der nicht gewinnt
2) Schlechtes Gewissen
Manche Menschen haben einfach keine Energie um irgendwas zu tun. Manchmal nicht mal Zähne putzen am abend, oder die Wäsche oder den Einkauf machen. Das hat nichts mit Faulsein zu tun, es gibt solche Situationen und die kenne ich sehr gut aus meinem Leben. Das Schlimme, wir versumpfen auf der Couch und verachten uns dafür auch noch, als wäre die Passivität nicht schon schlimm genug. Sie denken „Ach ich sollte und müsste dies oder jenes und ich schaffe es nicht“. Daraus folgt schließlich der Gedanke „Ich bin ein Versager, der nichts auf die Reihe bekommt. Dieser Feind der Veränderung ist besonders tückisch. Denn wir blockieren die Energie die wir eigentlich bräuchten um in die Aktivität zu kommen. Mein Tipp: Ruhe ist auch mal ok. Wenn du schon liegen musst dann genieße es wenigstens. Verabschiede dich vom schlechten Gewissen und nutze die Spielräume wenn es dir mal ein bisschen besser geht.
3) Unrealistische Ziele
Jeder hat irgendwann mal den Gedanken „Das geht so nicht weiter, ab morgen krempel ich mein Leben komplett um“. „Ich gehe jeden Tag 2 Stunden intensiv trainieren und bekomme einen Traumkörper, dann werde ich glücklich sein“. Das funktioniert einfach nicht, wer unrealistische Ziele hat und allein auf Willenskraft setzt dessen Enttäuschung ist vorprogrammiert. Selbst wenn man das selbstauferlegte Pensum einen Tag durchhält, schnell fällt man wieder in das gewohnte Muster und es ändert sich langfristig: überhaupt nichts. Setze dir minimale erreichbare Ziele, wie, ich nehme täglich 10 Minuten die Gitarre in die Hand, danach mach ich etwas anderes. Nur 10 Minuten, aber dafür jeden Tag. Wenn es Spaß macht darf ich die Zeit verlängern. Die Kontinuität ist der Schlüssel. Lieber 10 Minuten/Tag bewusstes üben statt einen 2 Stunden Gewaltakt ein mal die Woche. Das wird dir jeder Gitarrenlehrer bestätigen. Und so ist es mit allen Aktivitäten und Gewohnheiten
4) Unkonkrete Ziele
Wünsche gibt es viele, aber unkonkrete Ziele gehören zu den häufigsten Ursachen für Stillstand, weil sie dem Gehirn keinen klaren Handlungsauftrag geben. Formulierungen wie „Ich will mich gesünder ernähren“ oder „Ich möchte mehr Sport machen“ klingen zwar gut, bleiben aber schwammig und unverbindlich. Ohne klare Parameter – was genau, wann, wie oft und wo getan werden soll – fehlt der konkrete Reiz zur Umsetzung. Sobald der Alltag stressig wird schlägt die Gewohnheit zu und wir verhalten uns so wie wir uns immer verhalten haben. Denn das Gehirn liebt es Energie zu sparen, so ist es konstruiert. Mache konkrete Ziele, zum Beispiel ich mache mir jeden morgen ein Müsli aus Haferflocken mit Beeren und Nüssen für die nächste Woche.
5) Perfektionismus
Mein Perfektionismus und Leistungsdruck hat mich in meinem Leben in große Schwierigkeiten gebracht und dazu geführt dass ich im Studium und beruflich immer wieder in die Überforderung gerannt bin. Der Gedanke „ich muss es perfekt machen und funktionieren“ führt dazu dass wir über unsere Grenzen gehen und die Ressourcen für Stabilität verbrannt werden. Wer sich nachhaltig verändern will muss nicht perfekt sein, sehr gut ist völlig ausreichend. Perfektionismus hat oft damit zu tun dass wir den anderen etwas beweisen wollen. Ein mangelndes Selbstwertgefühl ist die Keimzelle. Wer langfristig sich verändern will (hinsichtlich mentaler Stabilität) muss lernen auf die Bremse zu treten. Auch das Aufmachen zu vieler Baustellen auf einmal, sich Termine reinknallen und Projekte zu verfolgen sobald es einem ein bisschen besser geht ist sehr problematisch und kann dazu führen dass das Kartenhaus schnell wieder in sich zusammenfällt. Das Ziel ist nachhaltige Veränderung des Verhaltens.
6) Alles oder nichts Denken
Ein Beispiel aus meinem Leben: Ich bin seit 3 Monaten in Heilbronn zur Langzeittherapie und hatte mir vorgenommen noch ein mal neu Gitarre zu lernen, denn obwohl ich seit 20 Jahren spiele ist meine Technik schlampig. Ich sehe die großen Vorbilder auf Youtube die mühelos die krassesten Soli und Riffs abliefern. Ich hingegen dümple auf einem sehr durschnittlichen Niveau vor mich hin und werde nie so gut sein wie meine Idole, das tötet sofort jegliche Motivation zum Üben. Gitarrenlehrer sagten mir ich sei gut und solle auf keinen Fall mit Gitarre aufhören, aber das alles oder nichts denken ist mir im Weg mich zu entwickeln und zu einem passablen Gitarristen zu werden. Immerhin kann ich ganz anständig Blues improvisieren, nichts großartiges, aber wenn ich es tue macht es Spaß. Warum glaube ich dass ich absoluter Profi sein muss und wenn ich dass nicht erreiche es lieber ganz bleiben lasse? Alles-oder-nichts-denken, das die Freude am Spiel zunichte macht.
Bei einer anderen Gelegenheit wollte ich an meine Improerfahrung anknüpfen und hatte den Gedanken ich MUSS mein sehr gutes Spielniveau wieder erreichen und so gut performen wie früher! Dadurch konnte ich kleine Erfolge und schöne Interaktionen gar nicht wertschätzen und hatte den Gedanken: „Ich habe abgebaut und werde nie wieder so sein wie früher“, ein klassischer Fall von alles-oder-nichts-denken
7) Das „Ich bin halt so“ Denken
„Ich bin einfach ein Sportmuffel“, „Ich kann nicht zeichnen“, „ich kann nicht singen“ „ich kann nicht vor Leuten sprechen“ „Ich bin halt ein Angsthase“. „Ich war schon immer ein Loser“. Mit solchen Glaubenssätzen ersticken wir jegliche Veränderung im Keim. Und die stecken sehr tief in unserem System.
Diese Glaubenssätze wirken wie ein innerer Schutzschild, der uns vor Enttäuschungen bewahren soll, uns aber gleichzeitig komplett lähmt. Indem wir ein negatives Verhalten als festen Teil unserer Identität abstempeln, geben wir die Verantwortung ab und verweigern uns selbst die Chance, uns überhaupt zu entwickeln. Wir deuten dann jeden Rückschlag nicht als normalen Lernprozess, sondern als endgültigen Beweis für unsere Unfähigkeit. Wenn wir unsere Festlegungen – das starre „Ich bin halt so“ – nicht aufweichen und durch ein offeneres „Ich kann das noch nicht“ ersetzen, bleibt jeder Wunsch nach Veränderung nur ein theoretischer Gedanke.
8) Fokus auf Motivation statt System
Wenn ich darauf warte dass ich mal Lust/Motivation auf Sport oder bessere Ernährung warte, kann ich ewig warten. Die wird nicht kommen oder wenn dann nicht nachhaltig. Stattdessen sollten wir uns auf ein System fokussieren. Die art und weise welche Regeln in unserem Leben herrschen. Ein Fokus auf Motivation bedeutet zu fragen „Habe ich heute Lust auf joggen“, Ein „System“ ist die Regel Montag, Mittwoch und Freitag um 15 Uhr gehe ich ins Fitness und mache mein Minimalziel von 15 Minuten Laufband. Danach mache ich Feierabend und gehe nach hause, wenn ich mehr machen will darf ich mehr machen. Aber Hauptsache ich gehe hin. Das ist ein „System“ und dass ist viel effektiver als dass wir einfach hoffen irgendwann fühle ich mich danach.
9) Sofortbelohnungen bevorzugen
Das Gehirn ist süchtig nach Dopamin, dem Belohnungsbotenstoff. Ein gutes Computerspiel oder ein süchtig machender Glücksspielautomat, oder Instagram Reels sind so gebaut dass sie dem Gehirn möglichst viele Dopaminkicks liefern. Schon die Chat Nachrichten einer KI liefert kleine Dosen Dopamin und das ist auch der Grund warum wir immer mehr davon haben wollen. Man nennt dass auch Instant Gratification. Unser modernes Leben ist vollgestopft mit hochgezüchteten Belohnungssystemen die unsere Aufmerksamkeit haben wollen.
Im Gegensatz dazu: Wenn ich studiere und für meine Prüfungen büffeln und auswendig lernen muss dann macht das keinen Spaß (kein oder wenig Dopaminausschüttung). Wenn ich aber einen Abschluss haben will weil ich im Leben voran kommen möchte dann habe ich eine „nachgelagerte Belohnung“. Ich bekomme sie erst Monate oder Jahre später! Doch der Fakt ist: ein Uni Abschluss ist für unsere Entwicklung und unser Leben sehr viel wertvoller als 10 Minuten TikTok oder Nachrichten zu scrollen. Es spricht nichts dagegen hin und wieder social media zu scrollen. Aber echte Veränderung (und damit Lebensfreude) gewinnen wir nur wenn wir auf langfristige Belohnungen setzen. Geduld und Frustrationstoleranz sind hier gefragt.
10) Mangelnde Fantasie
In Punkt 3 habe ich über unrealistische Ziele gesprochen. Gleichzeitig ist es jedoch essenziell, eine konkrete Vision für das eigene Leben zuzulassen. Was würde ich tun, wenn Geld keine Rolle spielte? Wie sähe mein Leben aus, wenn es richtig klasse wäre? Ein solcher übergeordneter Kompass treibt uns an und hilft dabei, im Alltag die richtigen Entscheidungen zu treffen, um dieser Vision Schritt für Schritt näherzukommen und daraus realistische Teilziele abzuleiten. Ohne die Vorstellungskraft davon, wie unser Leben aussehen soll, fehlt uns schlichtweg die Orientierung für unser tägliches Verhalten.
11) Chronische Unzufriedenheit
Wer vergleicht verliert sagt der Volksmund, wenn wir ständig den Fokus auf das haben was uns fehlt werden wir unglücklich. Das Leben der anderen scheint perfekt zu sein. Die Gesellschaft und die Werbung gaukeln uns vor dass was wir brauchen um glücklich zu sein sind ein tolles Haus, ein schickes Auto, den perfekten Körper, tolle Urlaubsziele und vieles mehr.
Erstens raubt uns der Fokus auf das Mangelnde die Energie zum Handeln. Wer permanent darauf starrt, was im eigenen Leben im Vergleich zu den polierten Fassaden anderer fehlt, landet schnell in einer Haltung der Hilfosigkeit oder dem Gefühl, ohnehin nie „genug“ zu sein. Wenn das Ziel (der perfekte Körper, das Traumhaus) unerreichbar scheint, gibt man oft auf, bevor man überhaupt angefangen hat.
Zweitens führt chronische Unzufriedenheit dazu, dass wir den Blick für den eigenen Ist-Zustand und die kleinen, realen Fortschritte verlieren. Entwicklung passiert nicht durch einen riesigen Sprung ins Perfekte, sondern durch viele kleine Schritte. Wer Erfolge nicht schätzen kann, weil sie im Vergleich zum Ideal immer noch zu klein wirken, entzieht sich selbst die Motivation, weiterzugehen. Statt aus eigener Überzeugung und eigenen Werten heraus zu wachsen, rennt man fremden Maßstäben hinterher – und verliert dabei die Orientierung für den eigenen Weg.
Fazit und Lösung
Veränderung scheitert selten am mangelnden Wollen, sondern meist an den unsichtbaren Hürden, die unser Gehirn, unsere Gewohnheiten und gesellschaftliche Prägungen uns in den Weg legen. Ob unkonkrete Ziele, die Angst vor dem Scheitern, der Sog der Sofortbelohnung oder der ständige Vergleich mit anderen – all diese Faktoren halten uns in alten Mustern fest und rauben uns die Energie für das, was uns wirklich wichtig ist.
Was wirklich Erfolg bringt, ist die Macht der Babyschritte. Kleine, minimale Veränderungen und Verbesserungen in Systemen statt überfordernder Großprojekte. Kleine, sicher erreichbare Ziele. Den ersten Schritt wagen und feststellen, dass es meist leichter ist als gedacht – und selbst kleinste Fortschritte wertschätzen. Genau so, wie man ein kleines Kind ermutigt und lobt, wenn es die ersten Schritte macht, selbst wenn es nur ein einziger wackliger Schritt war.
Wenn wir uns der Feinde der nachhaltigen Entwicklung bewusst sind und sie umgehen, kann es gelingen echte Veränderung anzustreben und auch zu erreichen.
Was ist dein persönlicher Feind deiner Entwicklung? Schreibe es gerne in die Kommentare.