Brauchen wir Gott?

Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Was passiert nach unserem Tod? Was soll das alles? Warum ist Realität so wie sie ist?

Diese Fragen beschäftigen Menschen seit es sie gibt. Im Laufe der Geschichte gab es etwa 100.000 religiöse Überzeugungen. Aktuell ist das Thema Religion in unserer Gesellschaft auf dem Rückzug. Mittlerweile gehört weniger als die Hälfte (45%) der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Die Zahl der Menschen die sich als religiös „aktiv“ bezeichnen und zum Beispiel regelmäßig in eine Kirche gehen liegt nur noch bei 6%.

Transzendenz

Aber: Transzendenz ist ein menschliches Grundbedürfniss und nicht verschwunden.

Transzendenz bedeutet wörtlich „Übersteigen“. Es ist der Drang des Menschen, über das eigene „Ich“, über den eigenen Körper und den banalen Alltag hinaus nach einem Sinn zu suchen.

  • Maslows Sicht: Er setzte Transzendenz sogar über die Selbstverwirklichung. Er glaubte, dass der Mensch erst dann ganz heil ist, wenn er sich mit etwas verbindet, das größer ist als er selbst (Gott, die Menschheit, die Natur, die Kunst).
  • Frankls Sicht: Er nannte das den „Willen zum Sinn“. Er beobachtete, dass Menschen selbst unter schrecklichsten Bedingungen (wie im KZ) überlebten, wenn sie einen transzendenten Sinn hatten.

Viele Menschen lehnen das christliche Dogma ab und suchen nach Alternativen. Diese finden sie zum Beispiel im Buddhismus, dem Islam, dem Zen, oder modernen Hexenbewegungen wie dem Wicca. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist immer noch groß: So gibt es mittlerweile viele „alternative“ Strukturen, welche religiösen Charakter haben, aber ohne Gott auskommen. Wie ist das zu bewerten?

Von schwazem Eyeliner zum gläubigen Christen

Ich selbst habe geistlich gesehen eine tiefgreifende Entwicklung gemacht. Während ich als Kind den Kommunionsunterricht und die schönen Geschichten mochte, meine Familie war katholisch, habe ich mir wenig Gedanken über Gott gemacht. Als Jugendlicher mit 15 habe ich harte Rockmusik, wie Rammstein, entdeckt. Zu dieser Musik gehört es oft zur Subkultur dazu jegliche Religion abzulehnen. Da habe ich mitgemacht. Ein mal druckte ich mit einem Freund T-Shirts mit dem Spruch „Atheists rule – I don’t believe“. Damit gingen wir auf den Kirchentag um zu provozieren und uns über die „Jesus-Freaks“ lustig zu machen.

Die Musik, die Poster in meinem Zimmer und meine T-Shirts wurden immer düsterer. Ich klebte mir „Satan“ Sticker auf meine Bassgitarre, begann Black- und Death Metal wie „Dimmu Borgir“, „Cradle of Filth“ und „Hypocrisy“ zu hören.

Ich färbte mir die Haare schwarz, lackierte mir schwarz die Fingernägel und trug schwarzen Eyeliner auf. Ich rutschte in den philosophischen Satanismus und beteiligte mich in düsteren Foren und debattierte in einer Sprach Chat App (Firetalk) mit Christen und versuchte sie zu überzeugen das Religion und insbesondere Christentum purer Blödsinn sind. Es machte mir Spaß über diese philosophischen Themen zu reden und zu diskutieren. Satan, dass bedeutete für mich, so dachte ich damals, die ultimative Freiheit. Das Motto: „Werde dein eigener Gott“. Aber latent hatte ich auch die Angst für meinen Lebensstil irgendwann in die Hölle zu kommen.

Manchmal las ich in der Bahn ausliegende „Chick Comics“, christliche Traktate über die Bekehrung gescheiterter Menschen zum Christentum. Manchmal traf ich Menschen auf der Straße die mich missionieren wollten. Das lehnte ich ab, aber eine innere Stimme hatte ich die mir zurief: „Was wenn da doch was dran ist an diesem Jesus?“

In meiner Krankheitsgeschichte mit Schizophrenie machte ich viele spirituelle und leider auch wahnhafte Erfahrungen. Irgendwann kam die Wende. Ich war 2018 in einer Psychiatrie und ich fühlte mich schlecht und verloren, es war ein trostloses Umfeld. Aber: Ein mal die Woche kam ein Pfarrer mit seiner Gitarre auf die Station und es wurde Lobpreis gesungen. Da ich damals schon hobbymäßiger Sänger war und der Pfarrer mich für meine Stimme lobte, war diese halbe Stunde die Woche wie eine Insel der Freude in einem trostlosen Psychiatrie-Alltag. Da ist etwas in mir passiert und Schritt für Schritt fand ich, durch viele weitere spirituelle Erlebnisse zum Glauben.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

(Psalm 23, 4)

Mein Glauben Heute

Der Glaube an eine höhere Macht ist ein Pfeiler meiner mentalen Gesundheit. Ich gehe Sonntags in die Kirche, ich bete jeden Tag und freue mich über die Gemeinschaft und die schönen Lobpreislieder von denen ich schon viele kenne und die treue Freunde in schwierigen Zeiten für mich sind. Manchmal singe ich auch in der Kirchenband.

Aber: Der Glaube hat auch eine Schattenseite, wie ich schmerzlich erfahren musste. Der Glaube an Hölle und Teufel ist für Schizophreniekranke Menschen nicht gut. Einmal schaute ich in einer labilen Phase eine evangelikale Predigt und es wurde propagiert dass der Satan wie ein Feind in unserem Kopf lauert, uns verführen will, und Gedanken eingibt. Uns schaden und vernichten will. Es war von einem „spirituellen Krieg“ und „geistlichen Kampf“ die Rede, der manche Menschen in den Wahnsinn und in die Psychiatrie treibt. Das hat mich sehr beunruhigt. Allein schon ein Nummernschild oder eine Unterschrift (ich dachte an einen Vertrag mit dem Teufel) lösten große Ängste aus. Manchmal hatte ich den Gedanken: „Satan, ich fordere dich heraus!“, es war wie ein Zwang, der Gedanke machte mir große Angst und prompt kam eine Reaktion mit heftigen Bildern und Zwangsgedanken die mich in die Verzweiflung stürzten. Ich habe viel mitgemacht.

Mittlerweile habe ich einen besseren Umgang mit „Hölle und Teufel“ gefunden. Die Dämonen haben jetzt Pause. Den Gedanken eines unsichtbaren Feindes in unseren Köpfen lehne ich ab. Es ist nicht gut für Menschen mit Paranoia sowas zu glauben. Der Glaube und unsere Weltanschauung sollten uns helfen uns auf dieser Erde zurecht zu finden und uns nicht schaden. Die schlimmen Gedanken sind einfach ein Ausdruck meiner „paranoiden Schizophrenie“. Sie sind nur das: meine eigenen, blöden Gedanken und mein Seelenheil ist nicht in Gefahr. Ich kann nichts dafür.

Die Frage ob ich die „richtige“ Religion gewählt habe, beschäftigt mich noch heute. Vielleicht für den Rest meines Lebens auf dieser Erde. Oft war die Triebfeder meines Glaubens früher die Höllenangst, die viele Menschen haben. Was ist wenn ich bestraft werde? Das Entscheidende: ich will lieber aus Freude glauben. Ich konzentriere mich auf Jesus, auf das Gebot der Nächstenliebe und auf die göttlichen Verheißungen. Manchmal lese ich in der Bibel. Ich vertraue auf die göttliche Versorgung und ein Leben nach dem Tod. Es hilft mir mit meinen Sorgen im Alltag, die Verantwortung und die Kontrolle an eine höhere Macht abzugeben und ihr zu vertrauen. Ich glaube dass Gott einen guten Plan für mich hat und mich zu meinen Texten inspiriert, damit ich ein Licht in der Welt sein kann. Ich will Jesus Beispiel folgen.

Der Glaube hilft mir, empathisch, wertschätzend und selbstbewusst zu leben. Ich habe einen tief sitzenden Respekt vor dem Leben und staune über die perfekte Erde und die Natur und über mein eigenes Leben. Es ist der Gedanke, dass ich, so wie ich bin, mit all meinen Erfolgen und Fehlern, geliebt und angenommen bin. Einfach nur weil ich am Leben bin. Mein Wert als Mensch hängt nicht von meinem Erfolg ab. Ich bekomme diesen Wert und diese Liebe geschenkt. Einfach so. Einfach nur weil ich da bin. Ich muss nichts dafür leisten! Ist das nicht wunderbar? Ich bin Gottes geliebtes Kind und keine Macht der Welt kann mich seiner siegreichen Hand entreißen. Ich bin geschützt und geborgen und habe die Gewissheit: Am Ende wird alles gut.

Ich versuche andere Überzeugungen und Weltbilder zu respektieren, habe aber für mich persönlich meine Heimat im Christentum gefunden. Ich kann alle Menschen nur ermutigen, wenn es mal so richtig finster im Leben wird und alles ausweglos scheint, dann bietet Jesus einen Rettungsanker und spendet Hoffnung wo es keine mehr zu geben scheint.

Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schlamm und Morast, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.

  • Psalm 40, 2-3

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