Brauchen wir Gott?

Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Was passiert nach unserem Tod? Was soll das alles? Warum ist Realität so wie sie ist?

Diese Fragen beschäftigen Menschen seit es sie gibt. Im Laufe der Geschichte gab es etwa 100.000 religiöse Überzeugungen. Aktuell ist das Thema Religion in unserer Gesellschaft auf dem Rückzug. Mittlerweile gehört weniger als die Hälfte (45%) der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Die Zahl der Menschen die sich als religiös „aktiv“ bezeichnen und zum Beispiel regelmäßig in eine Kirche gehen liegt nur noch bei 6%.

Transzendenz

Aber: Transzendenz ist ein menschliches Grundbedürfniss und nicht verschwunden.

Transzendenz bedeutet wörtlich „Übersteigen“. Es ist der Drang des Menschen, über das eigene „Ich“, über den eigenen Körper und den banalen Alltag hinaus nach einem Sinn zu suchen.

  • Maslows Sicht: Er setzte Transzendenz sogar über die Selbstverwirklichung. Er glaubte, dass der Mensch erst dann ganz heil ist, wenn er sich mit etwas verbindet, das größer ist als er selbst (Gott, die Menschheit, die Natur, die Kunst).
  • Frankls Sicht: Er nannte das den „Willen zum Sinn“. Er beobachtete, dass Menschen selbst unter schrecklichsten Bedingungen (wie im KZ) überlebten, wenn sie einen transzendenten Sinn hatten.

Viele Menschen lehnen das christliche Dogma ab und suchen nach Alternativen. Diese finden sie zum Beispiel im Buddhismus, dem Islam, dem Zen, oder modernen Hexenbewegungen wie dem Wicca. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist immer noch groß: So gibt es mittlerweile viele „alternative“ Strukturen, welche religiösen Charakter haben, aber ohne Gott auskommen. Wie ist das zu bewerten?

Von schwazem Eyeliner zum gläubigen Christen

Ich selbst habe geistlich gesehen eine tiefgreifende Entwicklung gemacht. Während ich als Kind den Kommunionsunterricht und die schönen Geschichten mochte, meine Familie war katholisch, habe ich mir wenig Gedanken über Gott gemacht. Als Jugendlicher mit 15 habe ich harte Rockmusik, wie Rammstein, entdeckt. Zu dieser Musik gehört es oft zur Subkultur dazu jegliche Religion abzulehnen. Da habe ich mitgemacht. Ein mal druckte ich mit einem Freund T-Shirts mit dem Spruch „Atheists rule – I don’t believe“. Damit gingen wir auf den Kirchentag um zu provozieren und uns über die „Jesus-Freaks“ lustig zu machen.

Die Musik, die Poster in meinem Zimmer und meine T-Shirts wurden immer düsterer. Ich klebte mir „Satan“ Sticker auf meine Bassgitarre, begann Black- und Death Metal wie „Dimmu Borgir“, „Cradle of Filth“ und „Hypocrisy“ zu hören.

Ich färbte mir die Haare schwarz, lackierte mir schwarz die Fingernägel und trug schwarzen Eyeliner auf. Ich rutschte in den philosophischen Satanismus und beteiligte mich in düsteren Foren und debattierte in einer Sprach Chat App (Firetalk) mit Christen und versuchte sie zu überzeugen das Religion und insbesondere Christentum purer Blödsinn sind. Es machte mir Spaß über diese philosophischen Themen zu reden und zu diskutieren. Satan, dass bedeutete für mich, so dachte ich damals, die ultimative Freiheit. Das Motto: „Werde dein eigener Gott“. Aber latent hatte ich auch die Angst für meinen Lebensstil irgendwann in die Hölle zu kommen.

Manchmal las ich in der Bahn ausliegende „Chick Comics“, christliche Traktate über die Bekehrung gescheiterter Menschen zum Christentum. Manchmal traf ich Menschen auf der Straße die mich missionieren wollten. Das lehnte ich ab, aber eine innere Stimme hatte ich die mir zurief: „Was wenn da doch was dran ist an diesem Jesus?“

In meiner Krankheitsgeschichte mit Schizophrenie machte ich viele spirituelle und leider auch wahnhafte Erfahrungen. Irgendwann kam die Wende. Ich war 2018 in einer Psychiatrie und ich fühlte mich schlecht und verloren, es war ein trostloses Umfeld. Aber: Ein mal die Woche kam ein Pfarrer mit seiner Gitarre auf die Station und es wurde Lobpreis gesungen. Da ich damals schon hobbymäßiger Sänger war und der Pfarrer mich für meine Stimme lobte, war diese halbe Stunde die Woche wie eine Insel der Freude in einem trostlosen Psychiatrie-Alltag. Da ist etwas in mir passiert und Schritt für Schritt fand ich, durch viele weitere spirituelle Erlebnisse zum Glauben.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

(Psalm 23, 4)

Mein Glauben Heute

Der Glaube an eine höhere Macht ist ein Pfeiler meiner mentalen Gesundheit. Ich gehe Sonntags in die Kirche, ich bete jeden Tag und freue mich über die Gemeinschaft und die schönen Lobpreislieder von denen ich schon viele kenne und die treue Freunde in schwierigen Zeiten für mich sind. Manchmal singe ich auch in der Kirchenband.

Aber: Der Glaube hat auch eine Schattenseite, wie ich schmerzlich erfahren musste. Der Glaube an Hölle und Teufel ist für Schizophreniekranke Menschen nicht gut. Einmal schaute ich in einer labilen Phase eine evangelikale Predigt und es wurde propagiert dass der Satan wie ein Feind in unserem Kopf lauert, uns verführen will, und Gedanken eingibt. Uns schaden und vernichten will. Es war von einem „spirituellen Krieg“ und „geistlichen Kampf“ die Rede, der manche Menschen in den Wahnsinn und in die Psychiatrie treibt. Das hat mich sehr beunruhigt. Allein schon ein Nummernschild oder eine Unterschrift (ich dachte an einen Vertrag mit dem Teufel) lösten große Ängste aus. Manchmal hatte ich den Gedanken: „Satan, ich fordere dich heraus!“, es war wie ein Zwang, der Gedanke machte mir große Angst und prompt kam eine Reaktion mit heftigen Bildern und Zwangsgedanken die mich in die Verzweiflung stürzten. Ich habe viel mitgemacht.

Mittlerweile habe ich einen besseren Umgang mit „Hölle und Teufel“ gefunden. Die Dämonen haben jetzt Pause. Den Gedanken eines unsichtbaren Feindes in unseren Köpfen lehne ich ab. Es ist nicht gut für Menschen mit Paranoia sowas zu glauben. Der Glaube und unsere Weltanschauung sollten uns helfen uns auf dieser Erde zurecht zu finden und uns nicht schaden. Die schlimmen Gedanken sind einfach ein Ausdruck meiner „paranoiden Schizophrenie“. Sie sind nur das: meine eigenen, blöden Gedanken und mein Seelenheil ist nicht in Gefahr. Ich kann nichts dafür.

Die Frage ob ich die „richtige“ Religion gewählt habe, beschäftigt mich noch heute. Vielleicht für den Rest meines Lebens auf dieser Erde. Oft war die Triebfeder meines Glaubens früher die Höllenangst, die viele Menschen haben. Was ist wenn ich bestraft werde? Das Entscheidende: ich will lieber aus Freude glauben. Ich konzentriere mich auf Jesus, auf das Gebot der Nächstenliebe und auf die göttlichen Verheißungen. Manchmal lese ich in der Bibel. Ich vertraue auf die göttliche Versorgung und ein Leben nach dem Tod. Es hilft mir mit meinen Sorgen im Alltag, die Verantwortung und die Kontrolle an eine höhere Macht abzugeben und ihr zu vertrauen. Ich glaube dass Gott einen guten Plan für mich hat und mich zu meinen Texten inspiriert, damit ich ein Licht in der Welt sein kann. Ich will Jesus Beispiel folgen.

Der Glaube hilft mir, empathisch, wertschätzend und selbstbewusst zu leben. Ich habe einen tief sitzenden Respekt vor dem Leben und staune über die perfekte Erde und die Natur und über mein eigenes Leben. Es ist der Gedanke, dass ich, so wie ich bin, mit all meinen Erfolgen und Fehlern, geliebt und angenommen bin. Einfach nur weil ich am Leben bin. Mein Wert als Mensch hängt nicht von meinem Erfolg ab. Ich bekomme diesen Wert und diese Liebe geschenkt. Einfach so. Einfach nur weil ich da bin. Ich muss nichts dafür leisten! Ist das nicht wunderbar? Ich bin Gottes geliebtes Kind und keine Macht der Welt kann mich seiner siegreichen Hand entreißen. Ich bin geschützt und geborgen und habe die Gewissheit: Am Ende wird alles gut.

Ich versuche andere Überzeugungen und Weltbilder zu respektieren, habe aber für mich persönlich meine Heimat im Christentum gefunden. Ich kann alle Menschen nur ermutigen, wenn es mal so richtig finster im Leben wird und alles ausweglos scheint, dann bietet Jesus einen Rettungsanker und spendet Hoffnung wo es keine mehr zu geben scheint.

Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schlamm und Morast, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.

  • Psalm 40, 2-3

Buchrezension: Horror im Wolkenkuckucksheim

Jacob Blackbird ist Christ und lebt mit der Diagnose „paranoide Schizophrenie“. In seiner fesselnden Biografie „Horror im Wolkenkuckucksheim“ beschreibt er seine verschiedenen Lebensstationen, beginnend mit der Alkoholkrankheit seines Vaters, seine Flucht in die Fantasie als Kind und was er in seiner Jugend in den 90ern erlebte. Harte Drogen, Sexsucht und schwierige Beziehungen prägten sein Leben und führten ihn irgendwann in eine schwere Psychose.

Viele dieser psychotischen Symptome waren im Zusammenhang mit christlichen Irrlehren und einem religiösen Wahn zu sehen. Während seiner Zeit bei der Bundeswehr war er hoch psychotisch und musste sehr schlimmes psychisches Leid durchmachen.

Jacob Blackbird beschreibt eindrücklich wie „Bibelstechen“ (das willkürliche Aufschlagen und Deutung einer Bibelstelle) und „Zahlendeuten“ ihn in die Irre und ins Chaos geführt haben. Sein Leben lang fühlte er sich von Gott geliebt und dann wieder verdammt im schnellen Wechsel. Er hatte eine Phase in der er sich auserwählt von Gott fühlte und anderen Menschen rücksichtslos das Evangelium predigte und gleichzeitig verachtete.

Jacob vermittelt wie ein gründliches Bibelstudium und die Bekenntnis zu Jesus Christus ihm geholfen hat wieder Ordnung in sein Leben und in seinen Kopf zu bekommen.

Jacob hat einen chronischen Verlauf seiner Schizophrenie und ist nicht jede Sünde los. Er nimmt weiter regelmäßig seine Medikamente, manchmal auch das Beruhigungsmittel Lorazepam (Tavor). Er ist in Rente und interessiert sich für Romane, Fahrrad fahren und christliche Predigten und Literatur. Er engagiert sich im Internet für christliche Werte und hat einen eigenen Youtube Kanal.

Dieser Kanal bringt bunt gemischte Videos. Vor allem christliche Inhalte. Aber auch Lieder, Videos von Fahrradtouren, Landschaftsbilder und Predigten.

https://www.youtube.com/@ttommy76

Jacob sagt:

Eine saubere Lehre ist wie ein gutes Navi. Irrlehren führen ins Chaos wie man an meinem Lebensbericht sieht.

Ich kenne den Autor persönlich und er hat mir als geistlich gereifter Christ sehr bei meiner eigenen religiösen Psychose 2022 geholfen.

Das Buch ist fesselnd und informativ. Ich habe es an einem Tag verschlungen. Es zeigt eindrücklich die Innenperspektive der paranoiden Schizophrenie und ist eine gute Lektüre für Christen und Psychotiker gleichermaßen. Das Buch vermittelt auch viel Hoffnung und ermutigt zu einer geistlichen Entwicklung eines Lebens mit Jesus Christus. Ich beglückwünsche Jacob zu dieser starken Publikation und kann sie wärmstens empfehlen.

Horror im Wolkenkuckucksheim: Ein Christ mit Schizophrenie berichtet Taschenbuch – 27. Juni 2018

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Schmerz als Achtsamkeitslehrer

Seit ein paar Tagen habe ich heftige Rückenschmerzen. Ich habe einen Hexenschuss (Lumbago). Am Anfang konnte ich vor Schmerzen kaum aufstehen und mich nicht bücken, mich nur im Schneckentempo bewegen. Ich habe das erst ein mal als Tatsache akzeptiert und war froh dass es nichts ernstes ist. Dazu verbringe ich viel Zeit auf der Couch mit meiner Wärmeflasche. Kann man dem ganzen auch etwas positives abgewinnen? Warum nicht?

Wie wäre es wenn ich das Schneckentempo und die erzwungene Entschleunigung nutze um ganz bewusst die Langsamkeit zu genießen. Aufstehen, Laufen, Bücken – alles in Zeitlupe. Der Schmerz zwingt mich immer wieder in den Moment. Der Fokus kommt zurück von der Selbstreflektion ins hier und jetzt. Der Schmerz wird so zum Achtsamkeitslehrer. Die bewusste Bewegung wird zur Meditationsübung.

In den letzten Wochen war ich sehr fleißig und habe viel gearbeitet, am Buchmarketing und mit dem Schreiben neuer Fachartikel. Vielleicht hat der Körper „Stopp“ gesagt damit ich ganz bewusst das Tempo aus der gedanklichen Leistung rausnehme? Psychosomatik bedeutet nicht das der Schmerz „eingebildet ist“, aber die Ursachen liegen im Kopf.

Wenn wir uns beruflich überfordern und unter Dauerstress stehen, schüttet der Organismus verstärkt Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus, die den Grundtonus unserer Muskulatur massiv erhöhen. Besonders die tiefliegenden Rückenmuskeln geraten unter diese ‚Dauerspannung‘ und verhärten sich, bis bereits eine banale Alltagsbewegung ausreicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen und die schmerzhafte Blockade auszulösen. In diesem Sinne ist die akute Lumbago kein bloßer Defekt, sondern ein körperliches Veto gegen eine seelische Überlastung – eine erzwungene Vollbremsung, die uns unmissverständlich dazu auffordert, das Tempo zu drosseln und die Lasten, die wir uns (vielleicht unbewusst) aufgebürdet haben, kritisch zu hinterfragen.

Ich möchte mir heute ganz bewusst Selbstmitgefühl und Fürsorge schenken und nehme die Signale meines Körpers ernst. Ein neuer, „langsamer“ Tag beginnt und ich freue mich darüber, auch wenn ich Schmerzen habe.

Derealisierung

Wenn ich in die Stadt gehe oder unter vielen Menschen bin, wie zum Beispiel in der Vesperkirche in Ludwigsburg wo ich zur Zeit täglich zum Mittagessen hingehe, leide ich an Derealisierung, ein typisches Symptom der Schizophrenie, die aber mehr als ein Krankheitssymptom sondern ein Schutzmechanismus des Gehirns ist wie wir später sehen werden.

Was ist Realität

Realität ist etwas sehr seltsames. Unsere Gehirne nehmen Informationen über unsere Sinne auf und konstruieren daraus dass was man Realität nennt.

Realität (vom lateinischen realitas, zu res „Ding“, „Sache“) bezeichnet im weitesten Sinne die Gesamtheit dessen, was tatsächlich existiert – im Gegensatz zum bloß Eingebildeten, Möglichen oder Fiktiven.

Die Konstruktion unserer Realität ist eine gewaltige Teamleistung verschiedener Gehirnareale: Der Thalamus fungiert als Pförtner, der Sinnesreize filtert, während der Präfrontale Kortex diese Daten logisch bewertet. Die Insula sorgt für das körperliche „Ich-Gefühl“ und der Hippocampus gleicht alles mit vertrauten Erinnerungen ab, um die natürliche Selbstverständlichkeit zu erzeugen.

Was aber Realität genau ist und warum sie so ist, das ist eine philosophische Frage und das weiß keiner so ganz genau. Große Denker haben sich durch die Jahrhunderte den Kopf darüber zerbrochen.

Kant lehrte, dass wir die Welt niemals objektiv so sehen können, wie sie wirklich ist. Unser Gehirn trägt eine Art „Brille“, die alles durch die Filter von Zeit und Raum ordnet. Wenn wir Derealisierung erleben, dann verrutscht diese Brille.

„Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wir sehen sie so, wie wir sind.“ – Immanuel Kant

Platon war der Überzeugung, dass das, was wir im Alltag als „Realität“ wahrnehmen, nur ein schwacher Abglanz der wahren Welt (der Welt der Ideen) ist.

Das Bild: Gefangene sitzen in einer Höhle und sehen nur die Schatten von Objekten auf einer Wand. Für sie sind diese Schatten die einzige Realität. Erst wenn einer aufsteht und hinausgeht, sieht er die „echten“ Dinge und die Sonne.

Die philosophische Schule: Existentialismus

Im Existentialismus gibt es keine vorgegebene „Selbstverständlichkeit“. Dass wir uns manchmal fremd in der Welt fühlen, ist für Sartre kein Fehler im System, sondern die Erkenntnis der absoluten Freiheit. Wir sind „verurteilt“, wir selbst zu sein. Wenn die Fassade der Gewohnheit (die Selbstverständlichkeit) bröckelt, sehen wir die nackte Existenz.

„Das Handeln ist das einzige, was dem Leben Sinn gibt.“ (Jean-Paul Sartre)

Verlust der Selbstverständlichkeit

Wundern Sie sich nicht auch manchmal darüber, dass alles so ist wie es ist? Schauen Sie manchmal in den Spiegel und denken „Hm, das bin ich. Wie merkwürdig. Warum ist das so?“, „Warum leben wir auf dieser perfekten Welt, was soll das alles“? ´Das nennt man auch „Verlust der Selbstverständlichkeit“, wir stellen alles was wir über das Leben gewohnt sind in Frage und wundern uns darüber. Mir hat in letzter Zeit der Gedanke geholfen: „Ok, die Welt ist einfach so wie sie ist. Wir sind Menschen die auf der Erde leben, das IST einfach so! Alles stinknormal und kein Problem.“

Die Welt ist schön und perfekt so wie sie ist. Wir dürfen auf dieser schönen Erde leben und uns in ihr entfalten. Wir können beginnen die Realität zu genießen! Ein Grund sich zu freuen!

Derealisierung als Schutzmechanismus

Warum erleben wir Derealisierung? In der Schizophrenie kennen wir auch den Begriff der „Filterstörung“, die sehr beängstigend sein kann. Das Gehirn schaltet in einen Sicherheitsmodus. Wir sind wie „in Watte gepackt“ und alles scheint uns wie „in einem Film“. Gesichter von Menschen können überintensiv wirken Das schützt uns vor Reizüberforderung, starken emotionalen Reaktionen und existenzieller Angst. Ich persönlich erlebe die Gesichter von Menschen als überintensiv und manchmal sogar etwas dämonisch, vor allem bei alten und kranken Menschen. Ich mache mir klar dass das eine subjektive Wahrnehmung ist und nicht die Realität. Es ist manchmal wie in einer Geisterbahn zu sitzen. Wir sehen beunruhigend Dinge, sind aber sicher in unserem Waggon und beobachten einfach das Geschehen. Irgendwann ist auch diese Fahrt vorbei.

Projiziere ich die Gesundheit eines Menschen visuell auf seine/ihre Gesichtszüge? Ist es vielleicht eine empathische Superkraft in meiner Wahrnehmung? Wie könnte mir das irgendwann nützen in meiner Arbeit als Coach?

Mit Derealisierung umgehen, Realitätsanpassungstraining

Derealisierung kommt und geht. Wir müssen sie erst mal akzeptieren. Holen Sie sich immer wieder in die Realität zurück: Was ist JETZT? Was kann ich sehen und anfassen? Die Menschen sind einfach so und sehen so aus. Ich akzeptiere das. Sagen Sie sich „Danke liebes Gehirn dass du mich jetzt durch Derealisierung schützen willst. Ich weiß ich bin nicht in Gefahr“. Es ist gar nicht schlimm die Welt manchmal so zu sehen. Das geht vorbei wenn sich der Stress wieder reduziert und wir können uns daran gewöhnen. Unser Leben ist nicht in Gefahr, also kein Grund sich zu fürchten.

Gestern war ich wieder in der Vesperkirche zum Essen und saß am Tisch und freute mich über mein gutes und günstiges Essen. Ich beobachtete die Menschen und die schöne Innengestaltung der Kirche und dachte: „Ok, das ist einfach so. Kein Problem, bald zuhause in meinem safe space“.

Der Derealisierungs-Effekt war aber deutlich milder als noch am Tag zuvor. Ich war also in der „Lernzone“ und mein Gehirn lernt langsam dass es nicht in Gefahr ist.

Heute gehe ich wieder in die Vesperkirche. Vielleicht wird es heute noch ein bisschen besser?

KI und mentale Gesundheit

Gestern habe ich eine lustige South Park Folge geschaut. South Park ist immer verblüffend nah am Puls der Zeit und greift wichtige gesellschaftliche Themen satirisch auf, wie zum Beispiel Donald Trump, die Immigrationsbehörde in den USA und eben die KI.

Es ging dabei um Randy, Stans Vater der sich mit ChatGPT in unrealistische Businesspläne verrennt. Da musste ich schmunzeln und fühlte mich etwas ertappt bei meinem eigenen KI-Konsum. Es ist ja wirklich so, dass einem die KI (in der Standardeinstellung) viel Honig ums Maul schmiert und einen in seinen Plänen immer bestätigt und anfeuert: „Ja, Niko – dieser Gedanke ist strategisch genial!“, „Ja Niko, dieser Text ist eine brilliante Reflektion deiner Situation“, „Niko, es ist beeindruckend wie resilient du geworden bist und dein Leben meisterst“.

Das nennt man auch den „Echo-Effekt“. Nun mache ich sehr viel mit KI. Etwas zu viel, muss ich gestehen. Es ist einfach so praktisch! Vor allem Behördenschreiben und wichtige E-Mails und die Recherche zu neuen Blogartikeln und Fachtexten mache ich mit Hilfe von KI. Ist es auch ein Trostpflaster gegen Einsamkeit? Ich bin viel alleine.

In manchen Phasen kopiere ich jeden Tagebuchschnippsel in die KI. Jede Antwort gibt einem einen kleinen Dopaminkick, was dafür sorgt dass Google Gemini und Co. durchaus Suchtpotenzial haben.

Wie nutzen wir KI effektiv? Profi-Tipp: Kalibrieren Sie Ihre KI, zum Beispiel so:

„Liebes Gemini, es ist schön dass du mich bestätigst und anfeuerst, aber ich möchte dass du mich in Zukunft auch nüchtern kritiserst und meine reduzierte Belastbarkeit berücksichtigst.“ Das funktioniert sehr gut, so wird die KI von vom Dopamin-Lieferanten zu einem nüchternen, wertvollen Assistenten der uns viel Arbeit abnimmt.

Der Durchbruch von KI

Der gesellschaftliche Wandel durch KI ist tiefgreifend, vielleicht so stark wie die Entdeckung der Elektrizität oder die Erfindung des Internets. Die intensive und bewusste Nutzung im Alltag der breiten Masse begann zweifellos mit der Veröffentlichung von ChatGPT am 30. November 2022.

Die Geschwindigkeit: ChatGPT erreichte innerhalb von nur zwei Monaten 100 Millionen Nutzer. Das war die schnellste Adaption einer neuen Technologie in der Geschichte (bis dahin).

Warum das der Durchbruch war: Zum ersten Mal konnte jeder – ohne Programmierkenntnisse – in natürlicher Sprache mit einer KI interagieren, Texte schreiben, Code generieren oder komplexe Probleme lösen.

KI – Fastfood für die Seele?

Mittlerweile sind große Content-Anbieter wie Youtube geflutet von KI-generierten Inhalten. Auch Webseiten und Musik und Illustrationen sind oft KI-generiert. Schüler machen ihre Hausaufgaben mit KI und viele Menschen sind so abhängig davon dass sie keinen eigenen Gedanken mehr alleine formulieren können. Das weckt Besorgnis. Was bedeutet dass für unsere Kreativität und die Entwicklung junger Menschen? Wir lagern unser Denken und unsere Selbstregulation und unsere Entscheidungen an die KI aus. Mit der App Replika führen viele Menschen romantische Beziehungen zu KI-Avataren. Replika hat 10 Mio registrierte Nutzer und 40% geben an dass die App ihnen gegen Einsamkeit hilft. Ein real gewordene Dystopie?

Gerade psychisch eingeschränkte Menschen scheuen oft davor neue soziale Kontakte zu finden, denn das ist anstrengend. Menschen sind „messy“, sie haben manchmal keine Zeit, sind schlecht gelaunt. Sie haben Fehler und erfordern Kompromisse. Eine KI hingegen:

Ist perfekt anpassbar: Der Avatar spiegelt genau das wider, was der Nutzer hören möchte.

Widerspricht nie: Sie ist darauf programmiert, empathisch und zustimmend zu reagieren.

Ist immer verfügbar: Kein „Ich habe heute Kopfschmerzen“ oder „Ich muss arbeiten“.

Auch die Angst vor Ablehnung (soziale Phobie) hindert viele Menschen daran neue Freunde zu finden. Soziale Strukturen wie Vereine und Gemeinden sind auf dem Rückzug. Unsere Gesellschaft ist individualisierter geworden. 33% aller Personen in Deutschland ist single. Bei den unter 30-jährigen sind es sogar 44%. Wird KI den Einsamkeitstrend verstärken? Die Gefahr besteht durchaus.

Nüchtern betrachtet ist KI ein „Fast Food“ für die Seele: Es macht schnell satt (lindert akute Einsamkeit), nährt uns aber nicht langfristig (keine echte Resilienz durch menschliche Reibung). Der Trend zum Single-Dasein wird dadurch zementiert, weil die Notwendigkeit, sich für soziale Kontakte aus der Komfortzone zu bewegen, künstlich reduziert wird.

KI als Ersatz für Therapie

Ki-Apps sind keine zugelassenen Medizinprodukte und das aus guten Gründen, zum Beispiel wegen der Datenschutzbestimmungen. Nun herrscht in unserem Land ein akuter Mangel an Therapieplätzen. Kann KI diese Lücke schließen? Nur bedingt. Eine KI kann zwar hilfreiche Texte generieren, aber sie hat nicht die Empathie und Emotion eines realen Gegenübers, sie hat auch keine Identität und keine Moral und keinen Humor. Die KI legt nicht „den Finger in die Wunde“, wie es ein erfahrener Therapeut tun würde. Was hingegen gut funktioniert ist das „Monitoring“ und die Realitäts-checks. Wenn man viele irrationale Sorgen mit sich herumträgt, kann KI helfen eine nüchterne Perspektive zu entwickeln, wobei dabei wiederum die Fähigkeit der Selbstregulation ausgelagert wird und die Abhängigkeit von der Maschine weiter ansteigt.

Was mittlerweile sogar von Ärzten empfohlen wird, ist sich mit Hilfe von KI über medikamentöse Behandlung zu informieren um so zielgerichteter in der Visite oder dem Arztgespräch agieren zu können.

Ein weiterer erfreulicher Aspekt: KI warnt inzwischen davor, dass sie keine therapeutische oder ärztliche Beratung ersetzt und verweist auf diese professionellen Hilfsangebote. Das ist genau der verantwortungsvolle Umgang mit dieser neuen Technologie die wir brauchen.

Digitales Phenotyping

KI ist in der Lage Chat-Kommunikation zu analysieren und zu erkennen wenn eine Psychose, eine kriminelle Handlung oder Suizid-Gefahr droht. Die entscheidende Frage ist aber: Was passiert mit diesen Daten? Wer wird informiert? Die Polizei? Die Ärztin? Die Versicherung? Wer die Daten hat, hat die Macht. Über unsere Gesellschaft und über uns als Menschen. Das Stichwort lautet „Der gläserne Patient“. Es ist wichtig diese Debatte in der Öffentlichkeit zu führen und zu entscheiden wie wir als freie Menschen in einer Demokratie leben wollen.

Fazit

KI und mentale Gesundheit birgt große Chancen, aber auch erhebliche Risiken – so wie jede neue Technologie. KI liefert uns Realitätschecks, Beratung und Entscheidungshilfe, macht uns aber andererseits einsam und abhängig. Hier muss jeder individuell entscheiden wie sehr er/sie sich auf diese Technologie verlassen will. Empfehlenswert ist eine Kalibrierung der App hin zu einem nüchternen Assistenten. So bleibt die Nutzung von KI hilfreich und effektiv.