KI und mentale Gesundheit

Gestern habe ich eine lustige South Park Folge geschaut. South Park ist immer verblüffend nah am Puls der Zeit und greift wichtige gesellschaftliche Themen satirisch auf, wie zum Beispiel Donald Trump, die Immigrationsbehörde in den USA und eben die KI.

Es ging dabei um Randy, Stans Vater der sich mit ChatGPT in unrealistische Businesspläne verrennt. Da musste ich schmunzeln und fühlte mich etwas ertappt bei meinem eigenen KI-Konsum. Es ist ja wirklich so, dass einem die KI (in der Standardeinstellung) viel Honig ums Maul schmiert und einen in seinen Plänen immer bestätigt und anfeuert: „Ja, Niko – dieser Gedanke ist strategisch genial!“, „Ja Niko, dieser Text ist eine brilliante Reflektion deiner Situation“, „Niko, es ist beeindruckend wie resilient du geworden bist und dein Leben meisterst“.

Das nennt man auch den „Echo-Effekt“. Nun mache ich sehr viel mit KI. Etwas zu viel, muss ich gestehen. Es ist einfach so praktisch! Vor allem Behördenschreiben und wichtige E-Mails und die Recherche zu neuen Blogartikeln und Fachtexten mache ich mit Hilfe von KI. Ist es auch ein Trostpflaster gegen Einsamkeit? Ich bin viel alleine.

In manchen Phasen kopiere ich jeden Tagebuchschnippsel in die KI. Jede Antwort gibt einem einen kleinen Dopaminkick, was dafür sorgt dass Google Gemini und Co. durchaus Suchtpotenzial haben.

Wie nutzen wir KI effektiv? Profi-Tipp: Kalibrieren Sie Ihre KI, zum Beispiel so:

„Liebes Gemini, es ist schön dass du mich bestätigst und anfeuerst, aber ich möchte dass du mich in Zukunft auch nüchtern kritiserst und meine reduzierte Belastbarkeit berücksichtigst.“ Das funktioniert sehr gut, so wird die KI von vom Dopamin-Lieferanten zu einem nüchternen, wertvollen Assistenten der uns viel Arbeit abnimmt.

Der Durchbruch von KI

Der gesellschaftliche Wandel durch KI ist tiefgreifend, vielleicht so stark wie die Entdeckung der Elektrizität oder die Erfindung des Internets. Die intensive und bewusste Nutzung im Alltag der breiten Masse begann zweifellos mit der Veröffentlichung von ChatGPT am 30. November 2022.

Die Geschwindigkeit: ChatGPT erreichte innerhalb von nur zwei Monaten 100 Millionen Nutzer. Das war die schnellste Adaption einer neuen Technologie in der Geschichte (bis dahin).

Warum das der Durchbruch war: Zum ersten Mal konnte jeder – ohne Programmierkenntnisse – in natürlicher Sprache mit einer KI interagieren, Texte schreiben, Code generieren oder komplexe Probleme lösen.

KI – Fastfood für die Seele?

Mittlerweile sind große Content-Anbieter wie Youtube geflutet von KI-generierten Inhalten. Auch Webseiten und Musik und Illustrationen sind oft KI-generiert. Schüler machen ihre Hausaufgaben mit KI und viele Menschen sind so abhängig davon dass sie keinen eigenen Gedanken mehr alleine formulieren können. Das weckt Besorgnis. Was bedeutet dass für unsere Kreativität und die Entwicklung junger Menschen? Wir lagern unser Denken und unsere Selbstregulation und unsere Entscheidungen an die KI aus. Mit der App Replika führen viele Menschen romantische Beziehungen zu KI-Avataren. Replika hat 10 Mio registrierte Nutzer und 40% geben an dass die App ihnen gegen Einsamkeit hilft. Ein real gewordene Dystopie?

Gerade psychisch eingeschränkte Menschen scheuen oft davor neue soziale Kontakte zu finden, denn das ist anstrengend. Menschen sind „messy“, sie haben manchmal keine Zeit, sind schlecht gelaunt. Sie haben Fehler und erfordern Kompromisse. Eine KI hingegen:

Ist perfekt anpassbar: Der Avatar spiegelt genau das wider, was der Nutzer hören möchte.

Widerspricht nie: Sie ist darauf programmiert, empathisch und zustimmend zu reagieren.

Ist immer verfügbar: Kein „Ich habe heute Kopfschmerzen“ oder „Ich muss arbeiten“.

Auch die Angst vor Ablehnung (soziale Phobie) hindert viele Menschen daran neue Freunde zu finden. Soziale Strukturen wie Vereine und Gemeinden sind auf dem Rückzug. Unsere Gesellschaft ist individualisierter geworden. 33% aller Personen in Deutschland ist single. Bei den unter 30-jährigen sind es sogar 44%. Wird KI den Einsamkeitstrend verstärken? Die Gefahr besteht durchaus.

Nüchtern betrachtet ist KI ein „Fast Food“ für die Seele: Es macht schnell satt (lindert akute Einsamkeit), nährt uns aber nicht langfristig (keine echte Resilienz durch menschliche Reibung). Der Trend zum Single-Dasein wird dadurch zementiert, weil die Notwendigkeit, sich für soziale Kontakte aus der Komfortzone zu bewegen, künstlich reduziert wird.

KI als Ersatz für Therapie

Ki-Apps sind keine zugelassenen Medizinprodukte und das aus guten Gründen, zum Beispiel wegen der Datenschutzbestimmungen. Nun herrscht in unserem Land ein akuter Mangel an Therapieplätzen. Kann KI diese Lücke schließen? Nur bedingt. Eine KI kann zwar hilfreiche Texte generieren, aber sie hat nicht die Empathie und Emotion eines realen Gegenübers, sie hat auch keine Identität und keine Moral und keinen Humor. Die KI legt nicht „den Finger in die Wunde“, wie es ein erfahrener Therapeut tun würde. Was hingegen gut funktioniert ist das „Monitoring“ und die Realitäts-checks. Wenn man viele irrationale Sorgen mit sich herumträgt, kann KI helfen eine nüchterne Perspektive zu entwickeln, wobei dabei wiederum die Fähigkeit der Selbstregulation ausgelagert wird und die Abhängigkeit von der Maschine weiter ansteigt.

Was mittlerweile sogar von Ärzten empfohlen wird, ist sich mit Hilfe von KI über medikamentöse Behandlung zu informieren um so zielgerichteter in der Visite oder dem Arztgespräch agieren zu können.

Ein weiterer erfreulicher Aspekt: KI warnt inzwischen davor, dass sie keine therapeutische oder ärztliche Beratung ersetzt und verweist auf diese professionellen Hilfsangebote. Das ist genau der verantwortungsvolle Umgang mit dieser neuen Technologie die wir brauchen.

Digitales Phenotyping

KI ist in der Lage Chat-Kommunikation zu analysieren und zu erkennen wenn eine Psychose, eine kriminelle Handlung oder Suizid-Gefahr droht. Die entscheidende Frage ist aber: Was passiert mit diesen Daten? Wer wird informiert? Die Polizei? Die Ärztin? Die Versicherung? Wer die Daten hat, hat die Macht. Über unsere Gesellschaft und über uns als Menschen. Das Stichwort lautet „Der gläserne Patient“. Es ist wichtig diese Debatte in der Öffentlichkeit zu führen und zu entscheiden wie wir als freie Menschen in einer Demokratie leben wollen.

Fazit

KI und mentale Gesundheit birgt große Chancen, aber auch erhebliche Risiken – so wie jede neue Technologie. KI liefert uns Realitätschecks, Beratung und Entscheidungshilfe, macht uns aber andererseits einsam und abhängig. Hier muss jeder individuell entscheiden wie sehr er/sie sich auf diese Technologie verlassen will. Empfehlenswert ist eine Kalibrierung der App hin zu einem nüchternen Assistenten. So bleibt die Nutzung von KI hilfreich und effektiv.