
Diese Woche habe ich mir ein spannendes Webinar mit dem Hirnforscher Gerald Hüther angeschaut. Das Thema war „zu sich selbst finden“.
Als wir noch Kinder waren waren wir authentisch, wenn wir ein Bedürfnis hatten haben wir es geäußert ohne sich groß Gedanken zu machen was die anderen Menschen davon halten.
Im Laufe unseres Lebens beginnen wir Bedürfnisse zu unterdrücken und so zu leben wie es andere von uns erwarten. Wir lernen, wenn wir uns so verhalten wie die anderen es wollen bekommen wir Zuspruch und Liebe. Wir „funktionieren“.
Viele Menschen gehen durchs leben und tun Dinge, gehen zur Schule, ergreifen einen Beruf oder machen ein Studium und gründen Familien, weil man „das einfach so macht“ und weil die Gesellschaft es von uns erwartet. Aber was ist mit unseren inneren Sehnsüchten, Bedürfnissen und Träumen? „Mach was vernünftiges“ ist oft ein Ratschlag gut meinender Eltern. Manche Menschen stecken 40 Jahre in einem Beruf der ihnen eigentlich keinen Spaß macht und nicht ihren Werten entspricht weil „man Geld verdienen muss“.
Wir bewegen uns weg von unserem authentischen Selbst. Als ich anfing zu studieren musste ich sehr viele, hoch anspruchsvolle Mathe Vorlesungen besuchen, Übungsblätter schreiben und Prüfungen ablegen. Es war eine Qual. Ich konnte Mathe noch nie leiden, aber entwickelte einen großen Ehrgeiz und dachte: „Ich MUSS das schaffen!“ Wem wollte ich damit etwas beweisen? Meiner Familie? Der Gesellschaft? Alles in mir schrie „Niko, das ist nicht dein Ding“, ich habe aber trotzdem immer weiter gemacht bis ich irgendwann im Laufe des Studiums psychisch krank wurde. Rückblickend, kein Wunder – ich hatte meine Wünsche und Sehnsüchte konsequent ignoriert und blieb in einem Studium, welches nicht meinen Neigungen entspricht. Ich wollte es unbedingt schaffen und das habe ich auch. Aber der Preis dafür war ein Schaden an meiner mentalen Gesundheit.
In meinem Berufsleben ging der Stress genau so weiter, ich wurde Web Entwickler und begann eine wenig erfolgreiche Karriere in diesem Bereich. Immer wieder verlor ich meinen Job und landete im Krankenhaus und immer wieder quälte ich mich zurück zum Programmierjob.
Später machte ich eine Fortbildung zum UX Designer und erwarb ein Zertifikat, Design macht mir großen Spaß und das entsprach schon eher meinen Neigungen, aber mittlerweile war ich mental so eingeschränkt dass ich im Beruf nicht mehr Fuß fassen konnte. Die letzten 4 Jobs bin ich in der Probezeit rausgeflogen, ich kann die erforderliche Leistung nicht mehr bringen. Ich habe mich rückblickend Jahre lang einfach nur gequält.
Das Ich-Konstrukt
Wenn wir uns die Frage stellen „Wer bin ich?“ was könnte die Antwort sein? In meinem Fall zum Beispiel:
- Ich heiße Niko
- ich stamme aus Kroatien
- Ich bin Informatiker
- ich singe
- ich spiele Gitarre
- ich blogge
- ich bin Buchautor
- ich bin in Rente
Das sind verschiedene „Ich-Konstrukte“, die Rollen die wir in unserem Leben spielen, die Geschichte die wir uns selbst (und anderen) von uns erzählen. Ein Bild. Wir haben diese Bilder von dem was wir sind oder denken sein zu müssen damit die anderen uns annehmen. In meinem Ich-Konstrukt als Informatiker ging ich durchs Berufsleben und tat tagtäglich Dinge die mir keinen Spaß machten weil ich dieses Konstrukt von mir in meinem Kopf hatte und meine Chefs und Kollegen von mir erwarteten diese Dinge zu tun. Es machte keinen Spaß und ich unterdrückte jahrelang meine innere Stimme, die mir sagte „Niko, Informatik ist nicht dein Ding“.
Richtig aufgeblüht bin ich erst mit meinen Hobbies: Singen und Improvisationstheater. Auf der Bühne fühlte ich mich lebendig und hatte große Erfolge. Kreativität ist ein Ausdruck meines authentischen Selbst. Wie merken wir dass wir authentisch leben? Ein Merkmal ist, es wird plötzlich alles ganz leicht und mühelos.
Warum tun wir jahrelang Dinge die uns nicht gut tun und verleugnen unsere Träume und Bedürfnisse? Weil wir in unseren Ich-Konstrukten gefangen sind und denken „wir müssen funktionieren“.
Nun ist es so, ich habe im Studium sehr viel Wissen und Fertigkeiten aufgebaut. Ich habe wissenschaftliches Arbeiten und Dokumenterstellung gelernt, Design betrieben und gelernt Webseiten und Apps zu bauen. Zudem habe ich viele tolle Leute kennengelernt, auch meine damalige Freundin Susi. Ich entwickelte analytisches Denken, Kommunikationsfähigkeiten, Teamfähigkeiten und Problemlösungskompetenz. Ich liebte es, vorne zu stehen und Präsentationen zu halten.
Ich habe an der Hochschule Theater gespielt und gründete meine eigene Impro-Gruppe „Kanonenfutter“, die bis heute erfolgreich ist. Ich studierte 2 Monate in Schottland. All das wäre ohne das Studium nicht möglich gewesen. Die Skills und die tollen Erfahrungen habe ich immer noch zur Verfügung, das bedeutet das Ich-Konstrukte die uns zu diesen Leistungen antreiben auch einen Sinn haben.
Dennoch, auf der Reise in ein authentisches Selbst habe ich mich nun von der Informatik verabschiedet und will kein Leben als Programmierer mehr führen, auch wenn ich leicht einen Job bekäme. Es ist nicht mein Ding und ich habe es eingesehen.
Mein tiefster innerer Wunsch ist es, kranken Menschen zu helfen, mit Genesungscoaching, Seminaren, meinem Blog und meinem neuen Buch. Das ist meine Berufung. Ich kann viele meiner Skills aus Studium und Beruf dafür einsetzen. Ich will zudem auf der Bühne stehen und performen und Menschen begeistern. Mit meiner Stimme arbeiten. Das ist mein authentisches Selbst. Diese Arbeit verleiht meinem Leben einen Sinn. Ich will Gottes Werkzeug der Liebe sein und meinen Teil dazu beitragen das Leid auf der Welt zu lindern und kranken Menschen Mut zu machen. Gott hat es mir ins Herz gelegt.
Ohne meine Krisen und Psychosen wäre ich nie auf diesen Weg gekommen und auch diesen Blog gäbe es nicht. Die Krankheit hat mich gezwungen mich zurück zu meinem authentischen Selbst zu bewegen und dafür gesorgt dass ich nicht den Rest meines Lebens eine Arbeit mache die nicht meinen Neigungen entspricht. Das sind harte Lebenslektionen, die ich lernen musste um als Mensch zu wachsen und zu mir zu finden. In jeder Krise steckt eine Chance.
Tief in unserem Inneren, wollen wir einfach nur glücklich sein. Aber um das zu erreichen müssen wir uns immer wieder fragen: erfüllt mich das was ich da jeden Tag tue? Wenn nicht, was kann ich tun? Und: was sind jetzt meine Bedürfnisse? Was brauche ich damit es mir gut geht?
Ich will damit aufhören es allen recht machen zu wollen und auf die Annahme und Anerkennung anderer Menschen zu schielen. Ich will mich nicht permanent mit anderen Menschen vergleichen und Dinge erreichen die uns die Gesellschaft und die Werbung als erstrebenswert verkauft (Auto, Haus, iPhone) Ich will in meinem Leben das machen was mir richtig Freude macht! Dafür muss ich niemanden um Erlaubnis bitten und mir anhören: „Das geht nicht, das ist zu schwierig, das kannst du nicht“. Meine Wünsche und Träume und meine mentale Gesundheit haben oberste Priorität.
Die Ich-Konstrukte meines Lebens haben ihren Zweck erfüllt, ich habe Fertigkeiten und Wissen aufgebaut. Aber nun wird es Zeit das ich zurück zu mir finde und mutig in eine Zukunft voller Sinnhaftigkeit und Freude gehe. Herr, gib mir den Mut und die Kraft dafür. Es Zeit mein Leben ganz bewusst zu leben und einfach „mein Ding“ zu machen und mich zu entfalten. Ich habe alles was ich dafür brauche. Ich will auf meine Stärken vertrauen und an mich glauben.
Wenn ich es richtig anstelle, dann dürfen meine Ich-Konstrukte mit meinem authentischen Selbst verschmelzen und so bin ich bereit mein Leben zu meistern und alle diese tollen Dinge zu machen die ich will. Das ist ein Privileg und eine Herausforderung. Es ist eine zutiefst menschliche Erfahrung. Das Leben will wachsen, sich entwickeln und entfalten. Die Seele will gesund werden.
Was sind Ihre Ich-Konstrukte in Ihrem Leben? Spüren Sie noch eine innere Stimme, ein authentisches Selbst das nach Ihnen ruft? Werden Sie auf diese Stimme hören und umkehren wenn nötig?
Für Ihre mentale Gesundheit alles Gute.









