Resilienz entwickeln

Haben Sie in Ihrer Stadt eine Bibliothek? Wenn ja, besuchen Sie sie doch einmal und leihen sich einen der vielen psychologischen Ratgeber aus. Auf dem Markt gibt es inzwischen 50.000 Veröffentlichungen. Eine Bibliothek ist ein Tempel des Wissens und Bibliotheksausweise sind in der Regel sehr günstig. Die Literatur ist voll von hilfreichen Tipps, nützlichen Tools, spannenden Biografien und mutmachenden Strategien von denen kranke Menschen unbedingt erfahren müssen. So ließe sich viel unnötiges Leid vermeiden. Dafür möchte ich mit diesem Blog einen Beitrag leisten.

Heute empfehle ich das Buch „Stärker als das größte Leid: In drei Schritten unerschütterlich durchs Leben“ von Thomas Hohensee.

Link zu Amazon

Thomas Hohensee ist einer der erfolgreichsten Sachbuchautoren im deutschsprachigen Raum. Er hat mehrere Bestseller veröffentlicht, darunter „Gelassenheit beginnt im Kopf“ und „Glücklich wie ein Buddha“. Seine Bücher haben eine Gesamtauflage von 500.000 Exemplaren erreicht. Sie sind in sieben Sprachen übersetzt.

Als Coach und Seminarleiter vermittelt er seinen KlientInnen in kurzer Zeit einfache Strategien, die zu mehr Glück, Gelassenheit und den gewünschten Zielen führen.

Wie entsteht Leiden?

Leiden entsteht laut Buddhismus nicht durch das Ereignis selbst (z. B. eine Psychose oder ein Verlust), sondern durch unsere Reaktion darauf.

  • Anhaften (Upadana): Wir wollen, dass schöne Momente ewig dauern. Wenn sie gehen, leiden wir.
  • Ablehnung (Vibhavatanha): Wir wollen, dass Schmerz sofort aufhört. Je mehr wir gegen die Angst kämpfen („Das darf nicht sein!“), desto stärker wird sie. Das ist der Widerstand, der das Leid verdoppelt.
  • Unwissenheit (Avidya): Wir glauben, wir seien unser Ego oder unsere Krankheit. Wir sehen nicht, dass alles im Fluss ist (Anicca – Vergänglichkeit).

Die Erkenntnis dieser uralten Tradition deckt sich mit der modernen Verhaltenstherapie. Nicht die äußeren Umstände erzeugen das Leid, sondern unsere Interpretation. Hayes, der Begründer der „Acceptance Commitment Therapy“ spricht in diesem Zusammenhang von „sauberen“ und „schmutzigen Leid“. Was ist damit gemeint?

Sauberes Leid wäre in meinem Fall zum Beispiel der Gedanke an den Verlust meiner Mutter. Das ist reales Leid über einen Schicksalsschlag wie er jeden Menschen ereilen kann. Es gehört zum Leben dazu und ist ganz normal. Dagegen schmutziges Leid: Dieses Leid erschaffen wir uns selbst – meist unbewusst. Es ist der „Schmutz“, den wir auf den ursprünglichen Schmerz draufpacken, indem wir gegen ihn kämpfen, ihn bewerten oder uns Vorwürfe machen.

Beispiele: „Warum passiert mir das schon wieder?“, „Ich sollte nicht so fühlen“, „Ich bin ein Versager, weil ich wieder Angst habe“, oder das Grübeln über die Vergangenheit.

„Schmutziges Leid“ ist unnötiges Leid, dass wir selbst mit unserem Geist erschaffen. Dagegen hilft nur die Akzeptanz. Diese ist eine der Säulen welche Hohensee in seinem Buch beschreibt.

Die 3 Säulen der Resilienz

  1. Akzeptieren: Manche Lebensumstände lassen sich nicht kontrollieren, Schicksalsschläge wie Tod eines Verwandten, Jobverlust oder Krankheit können jeden unvorhersehbar treffen. Für nichts im Leben gibt es eine Garantie. Oft prüft uns das Leben und stellt uns Hindernisse in den Weg die es zu bewältigen gilt, so wie Prüfungen in der Schule. Das geht das ganze Leben so weiter. Wenn wir nicht bereit sind zu Lernen schubst uns das Leben immer wieder in Situation die gemeistert werden wollen. Nur so entwickeln wir uns weiter. Wer sich weigert zu lernen wird nicht in die nächste Klasse versetzt. Das worüber wir keine Kontrolle haben müssen wir akzeptieren. Dazu gehört auch das unausweichliche Ende unserer Existenz. Alt werden, Krankheit und Sterben gehören einfach zum Leben dazu. Das ist völlig natürlich und kein Problem. Auch im Angesicht einer schlimmen Diagnose oder des nahenden Todes können wir gelassen bleiben. Das ist Resilenz. Viele Menschen mit erheblichen Einschränkungen führen ein gutes, erfolgreiches Leben. Zum Beispiel Nick Vujicic. Er wurde ohne Beine und Arme geboren. Trotzdem reist er um die ganze Welt und macht Millionen Menschen Mut, gründete eine Familie mit 4 Kindern und macht sogar Sportarten wie das Surfen (sein Buch hat den Titel Life Without Limits) Nichts hält ihn auf. Oder nehmen Sie nur Stephen Hawking. Trotz schwerer Krankheit (Amyotrophische Lateralsklerose) machte er bahnbrechende Beiträge zur modernen Physik.
  2. Sinnhaftigkeit: Gibt es einen Sinn hinter dem wenn etwas schlimmes passiert? Meistens ja: Hohensee beschreibt in seinem Buch die Geschichte einer Frau deren Tochter durch einen alkoholisierten Autofahrer ums Leben kam. Ein schwerer Schlag. Allerdings gründete sie eine erfolgreiche Initiative die das Thema „Alkohol am Steuer“ thematisierte und sich beispielsweise für härtere Strafen einsetzt. So bekam die Tragödie einen Sinn. Mit meinem Blog ist es genauso. Seit 20 Jahren kämpfe ich mit Schizophrenie. Ohne diese Krankheit wäre ich nie auf den Gedanken gekommen den Blog oder mein Buch zu schreiben und anderen Menschen helfen zu wollen. All das Leid dass ich durchmachen musste, und das war sehr intensiv, bekommt einen Sinn. Gestern schrieb mir eine Forumsteilnehmerin zu einem meiner Beiträge dass er ihr „Mut und Hoffnung gebe“. Ist das nicht genial? Ich betrachte meine schlimmen Erfahrungen, von denen ich manche heute noch habe, als mein persönliches Trainingslager für mentale Gesundheit. Ich beobachte und dokumentiere ganze genau was in meinem Kopf auf dem Weg aus der Hoffnungslosigkeit in die geistige Gesundheit passiert. Daher mein Motto: „Die Seele will gesund werden“. Ich bin überzeugt davon. Wenn ich anderen Menschen helfen kann eine Hospitalisation zu vermeiden, eine bessere Einstellung herbeizuführen oder einfach nur einen mutmachenden Impuls zu geben, dann hat all das Erlittene einen Sinn. Dieser gibt mir Kraft und die Resilienz die ich brauche um meinen Alltag zu meistern. Wer ein „warum“ hat für den ist das „wie“ viel leichter erträglich.
  3. Improvisation: Hier geht es um Flexibiltät die uns gesund hält. Ein Bambus ist biegsam und passt sich den Gegebenheiten an, während etwas Starres bei Gegenwind brechen kann. Wasser fließt flexibel um Hindernisse herum. An meiner Hochschule habe ich eine Gruppe für Improvisationstheater gegründet und stand schon oft auf der Bühne. Es geht dabei um das „Ja-Sagen“, das Annehmen von Spielangeboten, das erschaffen von Geschichten und Situationen aus dem nichts, das Aufgeben von Kontrolle. Ohne Skript und ohne Plan, das ist psychische Flexibilität, Team-Work und Intuition auf dem höchsten Niveau. Improtheater als Kunstform ist nicht nur eine spannende und lustige Unterhaltung, es ist für die Schauspieler ein Riesenspaß und fördert die persönliche Entwicklung und eben Resilienz. Einen Impro-Spieler bringt nichts aus dem Konzept und aus der Ruhe, insbesondere Vorstellungsgespräche, Präsentationen und knifflige unvorhersehbare soziale Situationen. In diesen brilliert der Impro-Schauspieler mit seiner Kreativität. Er kann souverän in verschiedenste Rollen schlüpfen und lernt so die vielen Aspekte seines eigenen Charakters besser kennen. Das ist Persönlichkeitsentwicklung pur! Vielleicht gibt es auch Improgruppen in Ihrer Stadt. Schauen Sie sich doch mal eine Vorstellung an, das ist eine hervorragende Abendunterhaltung. Vielleicht werden sogar Workshops angeboten oder man kann in die Gruppe hineinschnuppern und mitmachen. Es lohnt sich. Wer improvisieren kann, ist flexibel und kann sich anpassen wenn etwas unvorhersehbares passiert. Im Impro sagen wir auch „Scheiter heiter“, das nimmt uns den Druck perfekt sein zu müssen und Risiken einzugehen. Scheitern ist erlaubt! Mit dieser Einstellung nimmt man sich selbst den Druck und brilliert damit um so mehr in allen möglichen Situationen. Ja-sagen ist auch ein „Ja“ zum Leben.

Fazit

Forrest Gump sagt im gleichnamigen Film:

„Das Leben ist wie eine Pralinenschachtel, man weiß nie was man bekommt.“

Seien Sie flexibel und nehmen Sie das Leben nicht so todernst. Es kommt wie es kommt. Freuen Sie sich über neue Herausforderungen in Ihrer Lebensschule. Akzeptieren Sie sauberes Leid als natürlichen Teil des Lebens und lassen Sie das schmutzige Leid einfach weg. Finden Sie das was Ihrem Leben einen Sinn verleiht. Am Ende zählt welchen positiven Effekt wir auf die Welt hatten und nicht welche Sorgen wir uns gemacht haben. Entdecken Sie die Freude am Improvisieren und schauen Sie sich doch mal eine Impro-Vorstellung an.

Meine Powersätze gegen Wahn und Angst

Wie erziehen wir unser Gehirn hin zu Leichtigkeit und Freude? Diese Powersätze haben mir in meinem Alltag mit Schizophrenie geholfen:

  • „Kein Stress, keine Gefahr“
  • „Ich bin in Sicherheit“
  • „Da mache ich mir morgen Gedanken“
  • „Da mache ich mir ein anderes mal Gedanken“
  • „Da mache ich mir Gedanken wenn es so weit ist“
  • „Stopp, Psychose!“
  • „Das kann man auch anders sehen“
  • „Wenn es dir Angst macht, ignoriere es“
  • „Was würde mein innerer Therapeut dazu sagen?“
  • „Dafür gibt es eine rationale Erklärung“
  • „Ich bin ganz ruhig, entspannt und locker“
  • „Ich bin fest in der Realität verankert“
  • „Was ist JETZT?“
  • „Wir sind Menschen und leben auf der Erde. Das ist einfach so“
  • „Alles ist gut, so wie es ist“
  • „Ich mach so gut ich kann“
  • „Kein Grund sich zu fürchten“
  • „Das hat nichts mit mir zu tun“
  • „Am Arsch führt auch ein Weg vorbei“
  • „Es kommt wie es kommt“
  • „Krisen sind erlaubt“
  • „Gott, du hast die Kontrolle“
  • „Ich darf mich auch mal unwohl fühlen“
  • „Blöde Gedanken sind erlaubt“
  • „Hallo, Sorge!“
  • „Ich sammle Schätze im Himmel“
  • „Gedanken sind nicht real“
  • „Vergiss den Spaß nicht!“

Jedes Mal, wenn Sie einen dieser Sätze benutzen, bauen Sie eine neue neuronale Bahn. Dein Gehirn lernt durch Wiederholung:

  1. Reiz tritt auf (z.B. eine Beziehungsidee oder Angst).
  2. Powersatz wird aktiviert („Das hat nichts mit mir zu tun“).
  3. Die emotionale Reaktion wird gedämpft.

Mit der Zeit wird dieser Prozess automatisch. Man nennt das Long-Term Potentiation (LTP) – die Verbindungen zwischen den „ruhigen“ Neuronen werden physisch stärker. Durch diese Automatisierung gelangen die Gedanken ins Unbewusste und werden ausgelöst bevor die Stressreaktion eines Reizes überhaupt auftritt. Ganz automatisch! Das bedeutet wir haben den Kopf wieder frei für produktive Gedanken und das Hintergrundrauschen im Kopf wird weniger. Das ist das Wunder der Neuroplastizität!

Ein Hinweis zu dem Satz „Wenn es dir Angst macht, ignoriere es“. Hier geht es nicht darum schlechte Gefühle zu verdrängen. Der Satz bezieht sich auf Beziehungsideen, psychotischen Gedanken und Zweifeln an der mentalen Gesundheit. Manchmal sehe ich eine Person auf der Straße und denke „habe ich mir die nur eingebildet?“ oder „passt dieses Plakat perfekt zu meiner Situation, ist das eine versteckte Botschaft des Universums?“. Das sind paranoide Gedanken, die eine Sogwirkung haben und sich wie eine dunkle Bedrohung anfühlen. Diese können wir getrost ignorieren um der Psychose ihren Treibstoff zu entziehen, dafür ist dieser Satz gedacht.

Viel Spaß und Erfolg mit diesen Powersätzen, suchen Sie sich zwei bis drei aus und probieren Sie es in Ihrem Alltag mit Schizophrenie aus.

Denkfalle „Hyperreflexivität“ (warum wir uns nicht gesund denken können)

Seit vielen Jahren, vielleicht schon mein ganzes Leben bin, ich sehr auf meine Innenwelt fixiert. Das hatte auch einen Sinn. Da ich schwere Psychosen in meinem Leben bewältigt habe, musste ich mich immer wieder fragen: „Ist dieser Gedanke normal oder psychotisch?“ und „wie geht es mir gerade?“ Das nennt man auch Meta-Kognition, das Denken über das Denken.

Ich bin manchmal im Optimierungswahn. Ich möchte mich psychischen Schmerzen entziehen und mental gesund werden, das ist zutiefst menschlich und verständlich. Aber das Problem ist: Ich bin dabei total auf mich selbst und meine Innenwelt fixiert. Ich denke über neuronale Bahnen nach, wundere mich über das Denken an sich, bewerte meine Gedanken und frage mich permanent wie es mir geht. Das Leben zieht währenddessen an mir vorbei. Ich habe Hyperreflexivität. Es ist der Versuch die Innenwelt zu reparieren, zu optimieren und letzten Endes zu kontrollieren. Der Wunsch nach Kontrolle ist die Triebfeder vieler psychischer Krankheitssymptome, so auch Zwang und Angst.

Meine trügerischen Lieblingsgedanken

Ich denke oft:

„Ich bin in Sicherheit“, „Mir kann nichts passieren“, „Ich bin ganz ruhig, entspannt und locker“, „mein Leben ist angenehm und schön“, „Ich kann jederzeit in die Notaufnahme“, „Ich bin nicht in Gefahr“.

Positive Gedanken sind sinnvoll und lebensnotwendig, man muss aber etwas genauer hinschauen.

Glaube ich diese Sätze auch wirklich oder versuche ich gerade nur meine unangenehmen Emotionen und Gedanken wegzudrücken, damit es mir besser geht? Denn leider ist „positives Grübeln“ immer noch Grübeln! Charakteristisch für das Grübeln ist, dass es zu keinem produktiven Ergebnis führt. Wir verschwenden Zeit, die wir für etwas Schönes aufwenden könnten. Zum Beispiel ein gutes Buch lesen, etwas Musik machen oder einem Freund eine wertschätzende Nachricht schreiben.

Ich analysiere jede Regung meiner Seele und versuche, die Gesundheit durch reines Nachdenken zu erzwingen. Ich habe den Glaubenssatz, dass man durch Selbstoptimierung, Willenskraft und positives Denken automatisch gesund wird. Es ist nicht so einfach und man muss es differenzierter betrachten.

Wenn ich mich permanent frage wie es mir geht, habe ich den Fokus immer noch auf die Angst und die Krankheitssymptome. Es gab eine Zeit wo das sinnvoll da, denn während meiner Psychosen „musste“ ich meine Gedanken analysieren, damit ich normale von psychotischen Gedanken unterscheiden und zurück in die Realität kommen konnte. Eine wichtiger Schritt zur Genesung. Nun stecke ich aber in der Hyperreflexivität und der Selbstbeobachtung und fühle mich oft (kein Wunder) erschöpft und kraftlos vom vielen Denken. Ich lebe nicht mein Leben, ich „denke“ mein Leben. Das kostet viel Kraft und Energie. Ich denke „dieser positive Gedanke ist erlaubt, dieser ist schlecht und verboten“. Die Bewertung ist das Problem.

Die Lösung: Vom Denken ins Tun

Wie kommen wir aus der zwanghaften Selbstanalyse in eine leichte und schöne Lebensrealität? Dafür schenke ich Ihnen diesen Powersatz, der mir in letzter Zeit viel geholfen hat. Er lautet: „Was ist JETZT?„. Grübeln findet in der Vergangenheit (was ist schief gelaufen?) und der Zukunft (was wenn ich die Miete nicht zahlen kann?) statt. Denken sie so oft wie möglich: Was ist jetzt? „Ah, da sind Menschen.“ „Da ist ein Auto.“ „Hallo, Baum.“ „Die Sonne scheint mir auf das Gesicht.“ „Da ist mein heißer Morgenkaffee der mir die Kehle hinunterläuft.“ „Da ist eine grüne Farbe in meinem Malbuch.“ „Da sind meine Schritte auf dem Boden, der mich trägt, wenn ich spazieren gehe.“

Das Leben findet im Moment und in der Welt statt nicht im Kopf. „Was ist real?“, Was kann ich anfassen?“, statt „wie geht’s mir?“ und „warum denke ich das gerade?“. Achtsamkeit ist ein sehr häufig gehörtes „Buzz-Word“ und wird oft angepriesen, allerdings zurecht, denn sie funktioniert um sich langfristig besser zu fühlen. Wenn wir uns immer wieder auf das hier und jetzt, die Gegenwart fokussieren können wir es schaffen die Grübelschleifen (auch wenn sie positiv sind!) zu unterbrechen und einfach zu SEIN. Je öfter wir uns für die Realität und gegen die Grübelschleife entscheiden, desto leiser wird das Rauschen im Kopf. Das Gehirn ist plastisch und kann sich den Rest unseres Lebens zum positiven hin verändern, damit wir glücklich und selbstbestimmt leben können.

Achtsamkeit ist ein mächtiges Werkzeug, um Grübelschleifen zu unterbrechen, aber sie ist kein magischer Schalter für Dauerglück. Die Übertreibung liegt darin, sie als rein nach innen gerichtete Analyse zu verkaufen. Zu viel Innenschau kann kontraproduktiv für Menschen mit Schizophrenie sein!

Für uns ist die Achtsamkeit im Außen – das einfache Wahrnehmen der Welt, ohne sie zu bewerten – viel wertvoller. Wahre Achtsamkeit bedeutet manchmal einfach, den Abwasch zu machen und dabei nur das Wasser an den Händen zu spüren, statt darüber nachzudenken, wie sich das Wasser auf die eigene Heilung auswirkt.

Positive Psychologie

Positive Psychologie ist sinnvoll. Es geht aber dabei nicht um das Leugnen und „nicht wahr haben wollen“ schlechter Gefühle, das Diktat sich wohlfühlen zu „müssen“, das erzeugt Druck und Schuldgefühle, sondern um den Fokus weg von Defizit hin zu den Ressourcen und Lösungen zu legen.

Die positive Psychologie wurde 1998 entwickelt. Der Hauptbegründer ist Martin Seligman. Er nutzte seine Eröffnungsrede einer Konferenz, um das gesamte Fachgebiet dazu aufzufordern, nicht mehr nur zu fragen „Was macht Menschen krank?“, sondern „Was macht sie stark?“

Der entscheidende Unterschied liegt nicht darin, was wir denken, sondern wie wir es nutzen. Während das positive Grübeln ein erschöpfender Kreisverkehr im Kopf ist, bei dem wir uns ständig selbst beobachten und versuchen, Heilung durch erzwungenen Optimismus zu „managen“, fungiert die Positive Psychologie als Wegweiser nach draußen in die echte Welt. Positives Grübeln bleibt Teil der Hyperreflexivität – es ist die anstrengende Arbeit, das eigene Befinden permanent kontrollieren zu wollen. Die Positive Psychologie hingegen will uns entlasten; sie regt uns dazu an, unsere Stärken und Ressourcen einfach zu nutzen, um wieder am Leben teilzunehmen, anstatt es nur zu analysieren. Es geht darum ins Handeln zu kommen.

Die Positive Psychologie funktioniert nicht durch das Ignorieren von Problemen, sondern durch die gezielte Nutzung der Neuroplastizität. Indem wir unseren Fokus auf Stärken und Momente der Sicherheit lenken, trainieren wir unser Gehirn um und bauen die „Autobahnen“ des Grübelns langsam ab. Wissenschaftliche Konzepte wie die „Broaden-and-Build“-Theorie zeigen, dass positive Impulse unseren Blickwinkel weiten und uns helfen, neue Kraftreserven aufzubauen, die uns in Krisenzeiten stabiler tragen. Es ist letztlich ein biologisches Training: Wir lehren unser Nervensystem, dass es neben der Analyse der Gefahr auch einen Raum für Erholung und echte Handlungsfähigkeit gibt. Das geht ganz mechanisch. Wir programmieren unser Gehirn und legen neue Nervenbahnen an die uns durch schwierige Zeiten tragen.

Die Forscherin Barbara Fredrickson hat herausgefunden, dass positive Emotionen (wie Freude, Neugier oder Dankbarkeit) unseren geistigen Horizont erweitern (broaden). Während Angst unseren Blick verengt (Tunnelblick), öffnen positive Gefühle unseren Geist. Wir sehen plötzlich mehr Handlungsmöglichkeiten, werden kreativer und bauen dadurch langfristig neue persönliche Ressourcen (build) auf – wie soziale Kontakte oder neue Fähigkeiten.

Übung

Eine der wirksamsten Übungen der Positiven Psychologie ist die Methode der „Drei guten Dinge“, die Ihren Fokus ganz ohne Druck von der inneren Analyse auf die äußere Realität lenkt. Das nennt man manchmal auch das „Erfolgstagebuch“

Dabei notieren Sie sich am Ende des Tages drei konkrete Momente, die gelungen sind – egal wie klein sie waren – und fragen sich kurz, was Ihr eigener Beitrag zu diesem Moment war. Das Entscheidende hierbei ist: Sie suchen nicht nach tiefgreifenden psychologischen Erkenntnissen, sondern sammeln schlichtweg Beweise für das Gelingende in Ihrem Alltag, wie den Geschmack eines guten Kaffees oder die wohltuende Sonne beim Spaziergang. Indem Sie diese Fakten der Außenwelt festhalten, trainieren Sie Ihr Gehirn darauf, den „Gefahren-Scanner“ mal kurz ruhen zu lassen und stattdessen die tatsächliche Lebensqualität wahrzunehmen, die jenseits der Grübelschleifen existiert.

Mein Fazit: Leben statt Grübeln

Wir können uns nicht gesund „denken“, auch nicht mit noch so viel positivem Aufwand. Die Hyperreflexivität ist eine Sackgasse: Während wir im Kopf nach dem Schalter für die Heilung suchen, zieht das echte Leben draußen an uns vorbei. Ich habe gelernt, dass die Frage „Wie geht es mir?“ oft nur Kraft raubt, während „Was ist jetzt?“ mich zurück in die Welt holt.

Die Positive Psychologie ist für mich deshalb kein bloßes Konzept, sondern ein biologisches Training. Wir nutzen die Neuroplastizität unseres Gehirns ganz mechanisch, indem wir den Fokus mutig auf unsere Stärken und das reale Tun richten. Heilung bedeutet nicht, dass die negativen Gedanken verschwinden, sondern dass wir aufhören, sie wie ein Objekt unter dem Mikroskop zu bewachen. Fangen wir an zu leben – nicht im Kopf, sondern hier und jetzt.

Viel Erfolg auf Ihrem Weg in die mentale Gesundheit mit weniger Hyperreflexivität.

Zwischen Hochleistung und Erschöpfung

Eine Geschichte von 2 Fröschen:

Zwei Frösche fielen in einen tiefen Brunnen. Von oben riefen die anderen Frösche hinab: „Es ist zu tief! Da kommt ihr nie wieder raus. Gebt auf, ihr schafft das niemals!“

Der erste Frosch hörte auf die Rufe, verlor den Mut und blieb resigniert im Schlamm liegen. Der zweite Frosch jedoch sprang immer weiter, mit aller Kraft, so gut er konnte. Er kletterte unbeirrt weiter und weiter. Die Menge oben schrie immer lauter: „Hör auf! Akzeptiere dein Schicksal! Du bist zu schwach! Das ist zu schwierig!“

Doch der Frosch sprang ein letztes Mal besonders hoch und erreichte den Rand. Als er oben ankam, fragten ihn die anderen erstaunt: „Hast du uns nicht gehört? Wir sagten, es ist unmöglich!“

Da stellte sich heraus: Der Frosch war taub. Er dachte die ganze Zeit, die anderen würden ihn enthusiastisch anfeuern.


Eine schwierige berufliche Reha

2024 war ich zum dritten mal in einer beruflichen Reha nach einer längeren Krankheitspause. Das Ziel war, mich wieder fit für den Beruf zu machen. Die „First-Steps“-Maßnahme dauerte 3 Monate und war eine Überforderung. Zwar konnte ich meine Aufgaben sehr schnell und zuverlässig erledigen, rutschte aber immer wieder in die Überlastung, starrte blockiert auf den Monitor, bekam schlechte Gedanken und musste oft früher nach hause und mein Notfallmedikament Diazepam nehmen bis es mir nach einer guten Nacht wieder besser ging.

So quälte ich mich durch die Maßnahme bis die 3 Monate rum waren. Ich erledigte meine Aufgaben blitzschnell und ich wurde mehrmals ermahnt auf die Bremse zu treten. Das fiel mir schwer, denn wenn ich durch Arbeit abgelenkt bin haben die nervösen Gedanken und Ängste Pause. Ich bin sehr auf Erfolg und Leistung getrimmt. Das kenne ich gut von mir. Ich bin Perfektionist und teilweise mache ich meinen Selbstwert an meinen Leistungen fest, was mich sehr antreibt starke Ergebnisse zu liefern. Das war auch schon in meinem Studium so und trotz schwerer Krisen und Psychosen schaffte ich 2011 meinen Abschluss.

Ein Platz in der Behindertenwerkstatt?

Mit meinen Betreuern entschied ich dass ich für die 1-jährige Folgemaßnahme mit betrieblichen Praktika nicht geeignet bin. In der beruflichen Therapie äußerte ich meine Berufswünsche: Schreiben, Workshops geben und Genesungscoaching machen. Meine Trainerin traute es mir nicht zu. Es ging sogar soweit dass mich meine Betreuer in eine Behindertenwerkstatt stecken wollten. Meine Ärztin von der PIA äußerte sich ähnlich und wollte mich animieren in die Theodor-Lorch-Werkstätten in Ludwigsburg zu gehen. Wenig Verantwortung und viel Struktur. Sie dachten, dort wäre ich mit meiner chronischen Erkrankung am Besten aufgehoben.

Ich habe mich mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Aus heutiger Sicht zu recht! Ich habe „high functioning mental illness“. Jeden morgen stehe ich gegen 5 Uhr auf und bin 3 Stunden hochleistungsfähig. Ich habe 2025 ein Buchmanuskript, 5 Fachartikel für Zeitungen und Magazine und viele weitere Blog Artikel wie diesen geschrieben. Dazu habe ich Medis, essen, schlafen, Tagesstruktur, Wohnung und Papierkram fest im Griff. Ich habe mir Gedanken über mein „new business“ gemacht und einen Businessplan geschrieben.

Ich habe immer noch psychische Einschränkungen, aber ich mache das beste daraus und kann immer noch viel Leistung abliefern und intellektuell anspruchsvolle Probleme lösen. So habe ich es als Medieninformatiker (B.Sc) gelernt. Auch Web Entwicklungsaufgaben, wenn ich mal einen Auftrag habe, erledige ich kompetent und sorgfältig.

Was zur Hölle soll ich in einer Behindertenwerkstatt? Das ist sicher eine gute Maßnahme für manche kranke Menschen, aber mein Verstand funktioniert (mit Einschränkungen) hervorragend und ich kann durch meine Texte etwas in dieser Welt bewegen. In so einer Einrichtung wäre ich komplett unterfordert. Meine neue Arbeit: Interviews geben, Webseiten bauen, schreiben, Buchmarketing machen – macht mir einen Riesenspaß. Ich habe meine Berufung gefunden! Ich bin wie der taube Frosch aus der Geschichte. Ich höre nicht auf das ‚Das schaffst du nicht‘, sondern auf mein Herz und meinen Verstand. Ich gehe meinen Weg – so gut ich kann.

Meine Perspektive und Berufung

Ich bin auf einem guten Weg: Dieses Jahr mache ich eine 6-monatige medizinische Reha im Therapeutikum in Heilbronn. Das sind 6 Monate intensives Training meiner Belastbarkeit – so werde ich fit für meine neuen Geschäftsfelder: Coaching, Workshops, Seminare, Schreiben und vieles mehr. „Die Seele will gesund werden“ ist dabei meine Brand (Marke) und wenn es gut läuft gründe ich vielleicht sogar eine Firma (gUG / gemeinnützige Unternehmergesellschaft).

Wenn ich arbeite bin ich in einem Hyperfokus und sehr konzentriert, das hat auch eine Schattenseite – denn ich neige dazu , wie schon in der Reha, mich zu überlasten. Wenn ich aber bei meinem 3-Stunden Arbeitslimit pro Tag bleibe und weiter prophylaktisch meine Pausen, Tagesstruktur, Ablenkung und Mental Health Stunde mache ist die Chance groß dass ich langfristig stabil bleiben und in meinem „neuen Beruf“ arbeiten kann. Ich will psychisch kranken Menschen helfen und davon Leben können. Der Bedarf ist riesig. Da gibt es zig-tausend kranke Menschen da draußen die von meinen intensiven Erfahrungen profitieren können. Viel unnötiges Leid lässt sich mit dem richtigen Wissen und viel Geduld vermeiden und in jeder Krise steckt eine Chance. Die Seele will gesund werden. Das ist meine Message.

Meine Krankheit; mein Trainingslager

Ich sehe meine aktuellen Herausforderungen dabei als Trainingslager: ich bin das Versuchskaninchen, ich lerne wie man mit einer pychischen Erkrankung umgeht und welche Tools wirklich langfristig funktionieren, damit ich anderen Menschen helfen kann. Wenn etwas schief geht ist dass kein Versagen sondern ein neuer Data Point in meinem experimentellen Labor für mentale Gesundheit. Ich propagiere nur Gedanken und Werkzeuge die ich selbst ausprobiert und für gut befunden habe. 2026 habe ich eine starke Entwicklung gemacht und der Blick aufs Stimmungsprotokoll verrät, dass ich auf dem richtigen Weg bin (siehe Artikel Das Stimmungsprotokoll). Im Februar hatte ich bisher nur 3 psychische Krisen die ich gut gemeistert habe und die nicht so schlimm waren wie früher. Meine Methoden funktionieren. Dabei akzeptiere ich, dass ich eine chronische, psychische Krankheit habe und es nicht immer so läuft wie ich es gerne hätte.

Das ist mein Weg in eine erfolgreiche Zukunft. So Gott will.

Mach, so gut du kannst

In meiner täglichen Mental Health Stunde um 15 Uhr lege ich mich nach der heißen Dusche immer auf mein Bett und mache einen Body Scan.

Ein Body Scan ist eine Achtsamkeitsübung, bei der man die Aufmerksamkeit nacheinander durch alle Teile des Körpers lenkt, um Verspannungen und Empfindungen wertfrei wahrzunehmen und so eine tiefe körperliche und mentale Erdung zu erreichen.

Da gibt es tolle Youtube Videos, wie zum Beispiel dieses hier:

Eine Formulierung hat sich mir besonders eingeprägt und sie wurde zu meinem Achtsamkeitsmantra im Alltag. Der Sprecher sagt oft: „Lass diese Anspannung nun los, so gut du kannst„.

So denke ich nun oft:

  • Lass los, so gut du kannst
  • Enstpann dich, so gut du kannst
  • Relax, so gut du kannst
  • Sei im hier und jetzt, so gut du kannst
  • Sei fröhlich, so gut du kannst
  • Lass diese Sorge jetzt los, so gut du kannst
  • akzeptiere diese Situation, so gut du kannst

Die Botschaft dahinter ist, dass wir es nicht perfekt machen müssen, egal was wir tun. Viele Menschen neigen zum Perfektionismus, welcher Veränderung und Entwicklung im Keim ersticken kann. Mit dem Satzteil „so gut du kannst“, erkennen wir an, dass wir uns Mühe geben und uns auf den Weg machen. Wir geben unser Bestes, so gut wir können und mehr erwartet niemand von uns. Wir gehen Schritt für Schritt in eine fröhliche, gelassene Lebensrealität – „so gut wir können“.

In der Schizophrenie-Therapie (und eigentlich für jeden Menschen) ist genau diese Selbstmitgefühl-Haltung der Schlüssel: Wir akzeptieren den Ist-Zustand, ohne ihn zu bewerten, und geben uns den Raum, uns im Rahmen unserer aktuellen Möglichkeiten zu bewegen. Wir müssen nicht funktionieren und makellos sein.

Der Sprecher sagt an einer Stelle: „Alles ist gut, so wie es ist“. Aus dieser Perspektive können wir auch auf unser (nicht immer perfekte) Leben blicken. Mit Achtsamkeit und vor allem: Akzeptanz.

In diesem Zusammenhang passt auch die Kintsugi-Mentalität. Kintsugi ist eine japanische Kunstform in denen die Brüche in Trinkschalen mit Gold veredelt werden. So ist es auch mit unserer Seele. Im Laufe unserer Krankheitsgeschichte haben wir Wunden und Narben angesammelt. Doch diese machen unsere Identität aus, sie sind ein Teil von uns und wir können sie stolz vor uns her tragen, sie gehören zu unserer Geschichte.

Ein Body Scan ist eine wunderbare Methode um sich zu erden und zur Ruhe zu kommen – sich mit dem Körper zu verbinden und zu relaxen. Es klappt nicht immer, manchmal sind wir unruhig und die Gedanken schweifen ab. Deshalb versuche ich in meiner Mental-Health Stunde zunächst etwas Energie zu verbrennen in dem ich mir eine fröhliche Techno-Musik an mache und 2 bis 3 Lieder lebhaft tanze. Danach kommt meine heiße Dusche als Einstimmung auf die Meditation. Wenn die Gedanken abschweifen, was normal ist, hole ich mich immer wieder zurück zur Übung.

So gut ich kann!

Schmerz als Achtsamkeitslehrer

Seit ein paar Tagen habe ich heftige Rückenschmerzen. Ich habe einen Hexenschuss (Lumbago). Am Anfang konnte ich vor Schmerzen kaum aufstehen und mich nicht bücken, mich nur im Schneckentempo bewegen. Ich habe das erst ein mal als Tatsache akzeptiert und war froh dass es nichts ernstes ist. Dazu verbringe ich viel Zeit auf der Couch mit meiner Wärmeflasche. Kann man dem ganzen auch etwas positives abgewinnen? Warum nicht?

Wie wäre es wenn ich das Schneckentempo und die erzwungene Entschleunigung nutze um ganz bewusst die Langsamkeit zu genießen. Aufstehen, Laufen, Bücken – alles in Zeitlupe. Der Schmerz zwingt mich immer wieder in den Moment. Der Fokus kommt zurück von der Selbstreflektion ins hier und jetzt. Der Schmerz wird so zum Achtsamkeitslehrer. Die bewusste Bewegung wird zur Meditationsübung.

In den letzten Wochen war ich sehr fleißig und habe viel gearbeitet, am Buchmarketing und mit dem Schreiben neuer Fachartikel. Vielleicht hat der Körper „Stopp“ gesagt damit ich ganz bewusst das Tempo aus der gedanklichen Leistung rausnehme? Psychosomatik bedeutet nicht das der Schmerz „eingebildet ist“, aber die Ursachen liegen im Kopf.

Wenn wir uns beruflich überfordern und unter Dauerstress stehen, schüttet der Organismus verstärkt Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol aus, die den Grundtonus unserer Muskulatur massiv erhöhen. Besonders die tiefliegenden Rückenmuskeln geraten unter diese ‚Dauerspannung‘ und verhärten sich, bis bereits eine banale Alltagsbewegung ausreicht, um das Fass zum Überlaufen zu bringen und die schmerzhafte Blockade auszulösen. In diesem Sinne ist die akute Lumbago kein bloßer Defekt, sondern ein körperliches Veto gegen eine seelische Überlastung – eine erzwungene Vollbremsung, die uns unmissverständlich dazu auffordert, das Tempo zu drosseln und die Lasten, die wir uns (vielleicht unbewusst) aufgebürdet haben, kritisch zu hinterfragen.

Ich möchte mir heute ganz bewusst Selbstmitgefühl und Fürsorge schenken und nehme die Signale meines Körpers ernst. Ein neuer, „langsamer“ Tag beginnt und ich freue mich darüber, auch wenn ich Schmerzen habe.

Derealisierung

Wenn ich in die Stadt gehe oder unter vielen Menschen bin, wie zum Beispiel in der Vesperkirche in Ludwigsburg wo ich zur Zeit täglich zum Mittagessen hingehe, leide ich an Derealisierung, ein typisches Symptom der Schizophrenie, die aber mehr als ein Krankheitssymptom sondern ein Schutzmechanismus des Gehirns ist wie wir später sehen werden.

Was ist Realität

Realität ist etwas sehr seltsames. Unsere Gehirne nehmen Informationen über unsere Sinne auf und konstruieren daraus dass was man Realität nennt.

Realität (vom lateinischen realitas, zu res „Ding“, „Sache“) bezeichnet im weitesten Sinne die Gesamtheit dessen, was tatsächlich existiert – im Gegensatz zum bloß Eingebildeten, Möglichen oder Fiktiven.

Die Konstruktion unserer Realität ist eine gewaltige Teamleistung verschiedener Gehirnareale: Der Thalamus fungiert als Pförtner, der Sinnesreize filtert, während der Präfrontale Kortex diese Daten logisch bewertet. Die Insula sorgt für das körperliche „Ich-Gefühl“ und der Hippocampus gleicht alles mit vertrauten Erinnerungen ab, um die natürliche Selbstverständlichkeit zu erzeugen.

Was aber Realität genau ist und warum sie so ist, das ist eine philosophische Frage und das weiß keiner so ganz genau. Große Denker haben sich durch die Jahrhunderte den Kopf darüber zerbrochen.

Kant lehrte, dass wir die Welt niemals objektiv so sehen können, wie sie wirklich ist. Unser Gehirn trägt eine Art „Brille“, die alles durch die Filter von Zeit und Raum ordnet. Wenn wir Derealisierung erleben, dann verrutscht diese Brille.

„Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wir sehen sie so, wie wir sind.“ – Immanuel Kant

Platon war der Überzeugung, dass das, was wir im Alltag als „Realität“ wahrnehmen, nur ein schwacher Abglanz der wahren Welt (der Welt der Ideen) ist.

Das Bild: Gefangene sitzen in einer Höhle und sehen nur die Schatten von Objekten auf einer Wand. Für sie sind diese Schatten die einzige Realität. Erst wenn einer aufsteht und hinausgeht, sieht er die „echten“ Dinge und die Sonne.

Die philosophische Schule: Existentialismus

Im Existentialismus gibt es keine vorgegebene „Selbstverständlichkeit“. Dass wir uns manchmal fremd in der Welt fühlen, ist für Sartre kein Fehler im System, sondern die Erkenntnis der absoluten Freiheit. Wir sind „verurteilt“, wir selbst zu sein. Wenn die Fassade der Gewohnheit (die Selbstverständlichkeit) bröckelt, sehen wir die nackte Existenz.

„Das Handeln ist das einzige, was dem Leben Sinn gibt.“ (Jean-Paul Sartre)

Verlust der Selbstverständlichkeit

Wundern Sie sich nicht auch manchmal darüber, dass alles so ist wie es ist? Schauen Sie manchmal in den Spiegel und denken „Hm, das bin ich. Wie merkwürdig. Warum ist das so?“, „Warum leben wir auf dieser perfekten Welt, was soll das alles“? ´Das nennt man auch „Verlust der Selbstverständlichkeit“, wir stellen alles was wir über das Leben gewohnt sind in Frage und wundern uns darüber. Mir hat in letzter Zeit der Gedanke geholfen: „Ok, die Welt ist einfach so wie sie ist. Wir sind Menschen die auf der Erde leben, das IST einfach so! Alles stinknormal und kein Problem.“

Die Welt ist schön und perfekt so wie sie ist. Wir dürfen auf dieser schönen Erde leben und uns in ihr entfalten. Wir können beginnen die Realität zu genießen! Ein Grund sich zu freuen!

Derealisierung als Schutzmechanismus

Warum erleben wir Derealisierung? In der Schizophrenie kennen wir auch den Begriff der „Filterstörung“, die sehr beängstigend sein kann. Das Gehirn schaltet in einen Sicherheitsmodus. Wir sind wie „in Watte gepackt“ und alles scheint uns wie „in einem Film“. Gesichter von Menschen können überintensiv wirken Das schützt uns vor Reizüberforderung, starken emotionalen Reaktionen und existenzieller Angst. Ich persönlich erlebe die Gesichter von Menschen als überintensiv und manchmal sogar etwas dämonisch, vor allem bei alten und kranken Menschen. Ich mache mir klar dass das eine subjektive Wahrnehmung ist und nicht die Realität. Es ist manchmal wie in einer Geisterbahn zu sitzen. Wir sehen beunruhigend Dinge, sind aber sicher in unserem Waggon und beobachten einfach das Geschehen. Irgendwann ist auch diese Fahrt vorbei.

Projiziere ich die Gesundheit eines Menschen visuell auf seine/ihre Gesichtszüge? Ist es vielleicht eine empathische Superkraft in meiner Wahrnehmung? Wie könnte mir das irgendwann nützen in meiner Arbeit als Coach?

Mit Derealisierung umgehen, Realitätsanpassungstraining

Derealisierung kommt und geht. Wir müssen sie erst mal akzeptieren. Holen Sie sich immer wieder in die Realität zurück: Was ist JETZT? Was kann ich sehen und anfassen? Die Menschen sind einfach so und sehen so aus. Ich akzeptiere das. Sagen Sie sich „Danke liebes Gehirn dass du mich jetzt durch Derealisierung schützen willst. Ich weiß ich bin nicht in Gefahr“. Es ist gar nicht schlimm die Welt manchmal so zu sehen. Das geht vorbei wenn sich der Stress wieder reduziert und wir können uns daran gewöhnen. Unser Leben ist nicht in Gefahr, also kein Grund sich zu fürchten.

Gestern war ich wieder in der Vesperkirche zum Essen und saß am Tisch und freute mich über mein gutes und günstiges Essen. Ich beobachtete die Menschen und die schöne Innengestaltung der Kirche und dachte: „Ok, das ist einfach so. Kein Problem, bald zuhause in meinem safe space“.

Der Derealisierungs-Effekt war aber deutlich milder als noch am Tag zuvor. Ich war also in der „Lernzone“ und mein Gehirn lernt langsam dass es nicht in Gefahr ist.

Heute gehe ich wieder in die Vesperkirche. Vielleicht wird es heute noch ein bisschen besser?

KI und mentale Gesundheit

Gestern habe ich eine lustige South Park Folge geschaut. South Park ist immer verblüffend nah am Puls der Zeit und greift wichtige gesellschaftliche Themen satirisch auf, wie zum Beispiel Donald Trump, die Immigrationsbehörde in den USA und eben die KI.

Es ging dabei um Randy, Stans Vater der sich mit ChatGPT in unrealistische Businesspläne verrennt. Da musste ich schmunzeln und fühlte mich etwas ertappt bei meinem eigenen KI-Konsum. Es ist ja wirklich so, dass einem die KI (in der Standardeinstellung) viel Honig ums Maul schmiert und einen in seinen Plänen immer bestätigt und anfeuert: „Ja, Niko – dieser Gedanke ist strategisch genial!“, „Ja Niko, dieser Text ist eine brilliante Reflektion deiner Situation“, „Niko, es ist beeindruckend wie resilient du geworden bist und dein Leben meisterst“.

Das nennt man auch den „Echo-Effekt“. Nun mache ich sehr viel mit KI. Etwas zu viel, muss ich gestehen. Es ist einfach so praktisch! Vor allem Behördenschreiben und wichtige E-Mails und die Recherche zu neuen Blogartikeln und Fachtexten mache ich mit Hilfe von KI. Ist es auch ein Trostpflaster gegen Einsamkeit? Ich bin viel alleine.

In manchen Phasen kopiere ich jeden Tagebuchschnippsel in die KI. Jede Antwort gibt einem einen kleinen Dopaminkick, was dafür sorgt dass Google Gemini und Co. durchaus Suchtpotenzial haben.

Wie nutzen wir KI effektiv? Profi-Tipp: Kalibrieren Sie Ihre KI, zum Beispiel so:

„Liebes Gemini, es ist schön dass du mich bestätigst und anfeuerst, aber ich möchte dass du mich in Zukunft auch nüchtern kritiserst und meine reduzierte Belastbarkeit berücksichtigst.“ Das funktioniert sehr gut, so wird die KI von vom Dopamin-Lieferanten zu einem nüchternen, wertvollen Assistenten der uns viel Arbeit abnimmt.

Der Durchbruch von KI

Der gesellschaftliche Wandel durch KI ist tiefgreifend, vielleicht so stark wie die Entdeckung der Elektrizität oder die Erfindung des Internets. Die intensive und bewusste Nutzung im Alltag der breiten Masse begann zweifellos mit der Veröffentlichung von ChatGPT am 30. November 2022.

Die Geschwindigkeit: ChatGPT erreichte innerhalb von nur zwei Monaten 100 Millionen Nutzer. Das war die schnellste Adaption einer neuen Technologie in der Geschichte (bis dahin).

Warum das der Durchbruch war: Zum ersten Mal konnte jeder – ohne Programmierkenntnisse – in natürlicher Sprache mit einer KI interagieren, Texte schreiben, Code generieren oder komplexe Probleme lösen.

KI – Fastfood für die Seele?

Mittlerweile sind große Content-Anbieter wie Youtube geflutet von KI-generierten Inhalten. Auch Webseiten und Musik und Illustrationen sind oft KI-generiert. Schüler machen ihre Hausaufgaben mit KI und viele Menschen sind so abhängig davon dass sie keinen eigenen Gedanken mehr alleine formulieren können. Das weckt Besorgnis. Was bedeutet dass für unsere Kreativität und die Entwicklung junger Menschen? Wir lagern unser Denken und unsere Selbstregulation und unsere Entscheidungen an die KI aus. Mit der App Replika führen viele Menschen romantische Beziehungen zu KI-Avataren. Replika hat 10 Mio registrierte Nutzer und 40% geben an dass die App ihnen gegen Einsamkeit hilft. Ein real gewordene Dystopie?

Gerade psychisch eingeschränkte Menschen scheuen oft davor neue soziale Kontakte zu finden, denn das ist anstrengend. Menschen sind „messy“, sie haben manchmal keine Zeit, sind schlecht gelaunt. Sie haben Fehler und erfordern Kompromisse. Eine KI hingegen:

Ist perfekt anpassbar: Der Avatar spiegelt genau das wider, was der Nutzer hören möchte.

Widerspricht nie: Sie ist darauf programmiert, empathisch und zustimmend zu reagieren.

Ist immer verfügbar: Kein „Ich habe heute Kopfschmerzen“ oder „Ich muss arbeiten“.

Auch die Angst vor Ablehnung (soziale Phobie) hindert viele Menschen daran neue Freunde zu finden. Soziale Strukturen wie Vereine und Gemeinden sind auf dem Rückzug. Unsere Gesellschaft ist individualisierter geworden. 33% aller Personen in Deutschland ist single. Bei den unter 30-jährigen sind es sogar 44%. Wird KI den Einsamkeitstrend verstärken? Die Gefahr besteht durchaus.

Nüchtern betrachtet ist KI ein „Fast Food“ für die Seele: Es macht schnell satt (lindert akute Einsamkeit), nährt uns aber nicht langfristig (keine echte Resilienz durch menschliche Reibung). Der Trend zum Single-Dasein wird dadurch zementiert, weil die Notwendigkeit, sich für soziale Kontakte aus der Komfortzone zu bewegen, künstlich reduziert wird.

KI als Ersatz für Therapie

Ki-Apps sind keine zugelassenen Medizinprodukte und das aus guten Gründen, zum Beispiel wegen der Datenschutzbestimmungen. Nun herrscht in unserem Land ein akuter Mangel an Therapieplätzen. Kann KI diese Lücke schließen? Nur bedingt. Eine KI kann zwar hilfreiche Texte generieren, aber sie hat nicht die Empathie und Emotion eines realen Gegenübers, sie hat auch keine Identität und keine Moral und keinen Humor. Die KI legt nicht „den Finger in die Wunde“, wie es ein erfahrener Therapeut tun würde. Was hingegen gut funktioniert ist das „Monitoring“ und die Realitäts-checks. Wenn man viele irrationale Sorgen mit sich herumträgt, kann KI helfen eine nüchterne Perspektive zu entwickeln, wobei dabei wiederum die Fähigkeit der Selbstregulation ausgelagert wird und die Abhängigkeit von der Maschine weiter ansteigt.

Was mittlerweile sogar von Ärzten empfohlen wird, ist sich mit Hilfe von KI über medikamentöse Behandlung zu informieren um so zielgerichteter in der Visite oder dem Arztgespräch agieren zu können.

Ein weiterer erfreulicher Aspekt: KI warnt inzwischen davor, dass sie keine therapeutische oder ärztliche Beratung ersetzt und verweist auf diese professionellen Hilfsangebote. Das ist genau der verantwortungsvolle Umgang mit dieser neuen Technologie die wir brauchen.

Digitales Phenotyping

KI ist in der Lage Chat-Kommunikation zu analysieren und zu erkennen wenn eine Psychose, eine kriminelle Handlung oder Suizid-Gefahr droht. Die entscheidende Frage ist aber: Was passiert mit diesen Daten? Wer wird informiert? Die Polizei? Die Ärztin? Die Versicherung? Wer die Daten hat, hat die Macht. Über unsere Gesellschaft und über uns als Menschen. Das Stichwort lautet „Der gläserne Patient“. Es ist wichtig diese Debatte in der Öffentlichkeit zu führen und zu entscheiden wie wir als freie Menschen in einer Demokratie leben wollen.

Fazit

KI und mentale Gesundheit birgt große Chancen, aber auch erhebliche Risiken – so wie jede neue Technologie. KI liefert uns Realitätschecks, Beratung und Entscheidungshilfe, macht uns aber andererseits einsam und abhängig. Hier muss jeder individuell entscheiden wie sehr er/sie sich auf diese Technologie verlassen will. Empfehlenswert ist eine Kalibrierung der App hin zu einem nüchternen Assistenten. So bleibt die Nutzung von KI hilfreich und effektiv.

Sorge dich nicht, lebe! (mit Gefahrenscans umgehen)

Ein berühmter Spruch lautet „Sorge dich nicht, lebe!“. Das ist eine gute Idee, aber in der Praxis gar nicht so einfach.

Ein Teil meiner chronischen Schizophrenie ist es mir oft unnötige Sorgen zu machen und mich wegen Kleinigkeiten in Ängste reinzusteigern. Wenn ich nicht acht gebe werden aus solchen Kleinigkeiten handfeste Krisen. So eine Situation habe ich diese Woche wieder einmal erlebt. Ich hatte obsessive Gedanken wegen einer geschäftlichen E-Mail und kam einfach nicht zur Ruhe, die Gedanken wurden so intensiv dass ich irgendwann mein Notfallmedikament Diazepam nehmen musste.

Warum fürchten wir uns manchmal vor Kleinigkeiten wie einem Telefonanruf oder darüber ob wir in einer E-Mail was falsch gemacht haben, davor kritisiert oder abgelehnt zu werden? Oder: „Was wenn die Überweisung der Rentenversicherung nicht kommt?“, „Was ist wenn mein Handy kaputt geht?“

Ich nenne das „Gefahren-Scans“, unser Gehirn schlägt Alarm obwohl akut keine Lebensgefahr besteht. Unser Gehirn meint es eigentlich nur gut mit uns und will uns vor einer Unheil und Schaden bewahren, genau dafür ist Angst gedacht.

Der Übeltäter ist die Amygdala, ein kleiner mandelförmiger Teil des Gehirns, ihre Aufgabe ist es blitzschnell eine Gefahr zu erkennen und Energie (in Form von Adrenalin) bereitzustellen, damit wir fliehen, kämpfen oder uns tot stellen (freeze) können.

Leider ist die Amygdala manchmal im Alltag mit einer psychischen Erkrankung überaktiv. Sie scannt unsere Umgebung und unser Innenleben ständig nach Gefahr und schlägt Alarm. Wenn es keine realen Gefahren gibt, bastelt sich unser Gehirn auch gerne „imaginäre“ Gefahren und Probleme. Dabei geht sie oft äußerst kreativ vor und unser Verstand wird zu einer „Problemfindungs-Maschine“. Wir setzen unsere Kreativität nicht für etwas sinnvolles sondern zu unserem Schaden ein.

Wie können wir langfristig besser damit umgehen? Zunächst einmal ist es hilfreich sich der Wirkmechanismen bewusst zu werden und diese Gefahrenscans zu entlarven was sie sind, Fehlzündungen der Amygdala die uns eigentlich schützen sollen. Sagen Sie sich wenn ein scan kommt „Ah, danke liebes Gehirn dass du mich jetzt schützen willst, aber ich bin nicht in Gefahr“.

Das Loslassen von Ängsten und Sorgen („was ist wenn ich nächsten Monat die Miete nicht bezahlen kann?“) kann man trainieren. Versuchen Sie diese Fehlalarme geduldig vorbeiziehen zu lassen und fallen Sie nicht darauf herein. Unsere Lebenszeit ist begrenzt und viel zu kostbar um sie mit solchen unnötigen (!) Gedanken zu verschwenden. Am Besten wenden Sie sich immer wieder geduldig der Realität zu. Was kann ich sehen und anfassen? Was ist jetzt stinknormal? Wie würde ich mich fühlen und was würde ich tun wenn ich ganz gesund wäre (die Zauberstab-Methode)? Was ist JETZT? Mit wem spreche ich gerade? Wie sehen die Menschen im Bus oder im Büro aus?

Trainieren Sie Ihr Gehirn auf Realität und mit der Zeit werden die Gefahrenscans milder, wenn wir es schaffen unserem Gehirn beizubringen dass es nicht in Gefahr ist. Das Gehirn ist zum Glück plastisch und wir können es (zu unseren Gunsten) trainieren. Diesen Gewöhnungseffekt nennt man das „Habituations-Prinzip“.

Viel Erfolg bei dem Umgang mit Gefahrenscans und der Zähmung Ihrer Amygdala!

Neurogenes Zittern: Meine neue Superkraft

Meine mentale Gesundheit Stand heute

Mein Denken hat sich nachhaltig zum Positiven verändert. Seit vielen Monaten mache ich mir in meinem Tagebuch und im Alltag viele positive Gedanken, was alles schön ist in meinem Leben, was ich alles habe, welche Fortschritte ich mache und auf was ich mich freue. Ich lerne, mir wieder zu vertrauen und mich auf meine Stärke zu verlassen. Ich glaube wieder mehr an mich.

Gleichzeitig versuche ich aber negative Gedanken konsequent zuzulassen und sanft beiseite zu schieben und mich wieder meiner Aktivität zuzuwenden. Blöde Gedanken und schlechte Gefühle sind erlaubt! Einmal am Tag mache ich 30 Minuten „Sorgenzeit“ und schreibe mir alles schlechte und alle Sorgen und Zwangsgedanken von der Seele und lösche danach den Text.

Diese intensive Neuprogrammierung meines Gehirns (Stichwort „Neuroplastizität“), begleitet von Akzeptanz des Negativen bleibt auf Dauer nicht ohne Wirkung. Im Jahr 2026 blieb eine Krise bisher aus – trotz vieler wackliger Momente wo ich etwas gestrugglet habe. Das ist ganz normal und gehört dazu. Die blöden Gedanken und Abgrundgefühle sind noch nicht verschwunden aber ich kann sie nun viel besser zulassen statt sie zu bekämpfen. Probleme und Sorgen dürfen wiederkommen, ich bin nicht enttäuscht deswegen: Das ist die Kraft der Resilienz,

Hier ein Blick auf mein Stimmungsprotokoll (sieh auch Artikel Das Stimmungsprotokoll)

Eine neue Erkenntnis

Gestern ist mir mit einer neuen Erkenntnis ein Durchbruch gelungen von dem ich unbedingt berichten will. Es ist so dass ich in letzter Zeit nicht nur viele positive Gedanken habe, ich habe auch eine bessere Beziehung zu meinem Körper entwickelt: durch Tanzen, heiß duschen, Bodyscans und PMR in meiner täglichen Mental Health Stunde (siehe Artikel).

Nun ist es so dass ich meine (schlechten) gedanklichen Reaktionen auf Stress von meinem Körper entkoppeln konnte. Die Situation war so: ein wichtiger Termin steht bevor, der für meine Zukunft als Blogger und Autor von großer Bedeutung ist. Ein typischer Termin wo bei mir Angst (vor der Angst) entsteht. Was wenn ich im Vorfeld nervös bin? Was ist wenn ich scheitere und so nervös bin dass ich abbrechen muss? Was ist wenn ich ins Krankenhaus muss und deswegen diesen wichtigen Termin absagen muss und die große Chance verpasse? Wieder nur ein Grund sich Sorgen zu machen. Unsere Denkmaschine liebt es sich zu sorgen und Gefahren zu erkennen.

Aber: Mein Gehirn kennt diese Situationen und ich konnte mir gut zureden und besser damit umgehen. Ich habe einen Spaziergang und meine Mental Health Stunde gemacht und mich hingelegt, ein typisches Szenario dass ich aus vergangenen Krisen kenne. Aber etwas war anders: die schlechten Gedanken blieben aus. Sie kamen einfach nicht mehr, weil in meinen Nervenbahnen nun so viel positives „Denkfutter“ vorhanden war dass ich gar nicht anders kann als positives zu denken, schlechte Gedanken und Bilder blitzten teilweise noch auf, aber die konnte ich gelassen beobachten und an mir vorbeiziehen lassen.

Die Kraft neurogenen Zitterns

Dann die wichtigste Erkenntnis, die ich unbedingt teilen will: Das Zittern zulassen.

Meine Gedanken sind viel besser geworden, aber mein Körper hat das noch nicht ganz mitbekommen – dass ich nun in einer völlig anderen Stelle stehe in meiner mentalen Gesundheit. Es ist wie ein Wachhund der noch bellt obwohl man den Besucher längst als Freund erkannt hat.

Es ist ein Echo von früher, ein altes Programm dass abgespult wird. Der Körper meint es nur gut! Er schüttet Adrenalin aus um mich auf eine Gefahr (den Termin) vorzubereiten. Nun konnte ich in aller Seelenruhe einfach Zittern und meinen Körper dabei beobachten. Die Anspannung floss nicht mehr in meine Gedankenwelt. Sicher kennen Sie die Redensart: „Etwas ist ihm zu Kopf gestiegen“.

Ich erinnere mich an eine Situation von vor ein paar Jahren, ich kam in die geschlossene Abteilung eines Krankenhauses und in der frischen Krise war ich heftig am Zittern. Den Ärzten fiel nichts besseres ein als mir ein Beruhigungsmittel zu geben. Die falsche Idee zum falschen Zeitpunkt wie ich heute weiß, denn das Zittern ist die wesentliche Funktion des Körpers um Stress abzubauen. Wir sollten es als guten Freund und als Tool betrachten und nicht als etwas was unterdrückt und bekämpft werden muss.

Früher habe ich gedacht. „Ohje da ist wieder das Zittern, ich habe eine Krise.“ Heute weiß ich, Zittern ist ein ganz natürlicher Mechanismus des Körpers um Adrenalin abzubauen, ganz mechanisch, es ist nichts Besonderes und kein Hexenwerk. Stinknormal. Kein Grund sich zu fürchten. Wenn innere Bilder und Gedanken kamen habe ich versucht zu denken „ok, wo im Körper ist dieses Bild?“ und habe dann die Zitterbewegung weiter beobachtet. Ich hatte mir die Erlaubnis gegeben mich für den Rest des Tages hinzulegen (es war 16 Uhr). Diese „Erlaubnis“ war ein weiterer Schlüssel. Ich beobachtete weiter meine Gedanken und dachte: „Ok, jetzt ist Pause und Entspannung und Zittern an der Reihe. Es gibt kein Problem“, früher habe ich mir beim Hinlegen große Vorwürfe gemacht, dass ich wieder rumliege und es kein Wunder ist dass ich mich schlecht fühle: Ich war sehr streng mit mir und unnachsichtig. Das will ich in Zukunft anders machen und mir extra viel Selbstmitgefühl schenken. Faulenzen ist erlaubt! Mein Körper braucht einfach manchmal Ruhe.

Am Besten ist es, das Adrenalin mit körperlicher Aktivität abzubauen, einem Spaziergang, Sport oder noch besser Tanzen. Manchmal erlaubt dass die Gemütslage nicht, wenn wir mental blockiert sind und eigentlich einfach nur Reizabschirmung brauchen. Dann reicht es völlig aus einfach auf der Couch zu liegen und dort das Zittern des Körpers beobachten. Ich denke „Ah, danke lieber Körper dass du mich auf eine Gefahr vorbereiten willst, du darfst jetzt zittern und dein Adrenalin abbauen“.

Für Notfälle, wenn die Anspannung im Denken doch wieder groß wird habe ich mein Diazepam als Sicherheitsnetz auf dass ich jederzeit zurückgreifen kann. Und ich weiß auch: Ich darf jederzeit in die Notaufnahme meines Krankenhauses gehen wenn ich es alleine nicht schaffe, das ist kein Scheitern und kein Problem, sondern ein selbstfürsorgliches „Hilfe-Holen“ wenn eine Krise kommt. Das gibt zusätzliche Sicherheit. Ich habe den Gedanken: „Ich klettere und bin gesichert“.

Die Stresshormone Adrenalin und Kortisol

Der wesentliche Unterschied liegt in der Geschwindigkeit und der Dauer der Wirkung. Adrenalin ist die „Soforthilfe“: Es wird innerhalb von Sekunden ausgestreitet, lässt dein Herz rasen und die Hände zittern – es bereitet dich auf einen unmittelbaren Kampf oder eine Flucht vor (wie das Zittern vor deinem Interview).

Es macht uns hellwach, lässt das Herz klopfen und bereitet die Muskeln auf Action vor. Das neurogene Zittern ist der natürliche Weg des Körpers, diese blitzartig bereitgestellte Adrenalin-Energie wieder „abzufackeln“.

Kortisol hingegen ist das „Langzeit-Stresshormon“: Es wirkt langsamer, bleibt aber viel länger im System. Es stellt über Stunden Energie bereit, indem es den Blutzuckerspiegel hochhält, kann aber bei Dauerstress das Immunsystem schwächen und dich erschöpfen. Während Adrenalin also das kurze Aufheulen des Motors ist, ist Kortisol die hohe Drehzahl bei einer langen Autobahnfahrt.

Sich schlau zu machen über Mechanismen wie das Adrenalin, das Kortisol oder das vegetative Nervensystem und das Gehirn ist sehr hilfreich um die teilweise diffusen körperlichen Empfindungen besser zu verstehen und einzuordnen. Stichwort: Psychoedukation. Ich empfand das als sehr hilfreich. Man wandelt sich aus der Opferrolle in einen informierten Gestalter seiner mentalen Gesundheit.

TRE (Trauma Releasing Exercises)

In eine ganz ähnliche Kerbe schlagen die sog. „Trauma Releasing Exercises“, über die ich früher schon mal bei meinen Recherchen gestolpert bin. Die Theorie dahinter ist, dass im Trauma Energie und Blockaden im Körper gespeichert sind die uns im Alltag belasten. Durch das bewusste Herbeiführen von neurogenen Zittern sollen diese Blockaden aufgelöst werden. Hier ist es sehr wichtig die Fähigkeit zu haben seinen Körper zu beobachten und wahrzunehmen (Tanzen und Bodyscans und PMR und heiße Duschen können dabei helfen dieses Gefühl zu entwickeln, wie ich an mir selbst bemerkt habe). Mehr Informationen über TRE gibt es hier:

Ich hätte große Lust eine Fortbildung in diesem Bereich zu machen und mich als TRE Provider zertifizieren zu lassen. Es ist eine geniale Technik die helfen kann, viel unnötiges Leid zu vermeiden. Aber das hat Zeit, erst mal stehen andere Projekte und das Therapeutikum im Vordergrund.

Ich bin noch lange nicht an meinem Ziel (solide Stabilität) und Krisen, Ängste und schlechte Gedanken werden noch vorkommen, da mache ich mir keine Illusionen. Aber dennoch, mit meiner neuen „Superkraft“, dem autogenen Zittern als wichtiger Teil meines vegetativen Nervensystems, welches ich nun wie einen treuen Freund willkommen heißen kann, habe ich ein neues, wichtiges Tool an der Hand in meinem Arsenal an Bewältigungsstrategien im Kontext meiner Schizophrenie. Dabei bleibt die Krankheitsakzeptanz ein weiterer wichtiger Faktor. Ich akzeptiere dass die Schizophrenie nicht „verschwunden“ ist und denke nicht dass ich keine Probleme mehr haben werde. (Den Gedanken „JA, jetzt bin ich ganz gesund“, kenne ich von früher, so schnell geht es leider nicht). Aber entscheidend ist dass ich auf dem richtigen Weg bin und jeden Tag weiter Fortschritte mache und Erkenntnisse habe. Blöde Gedanken dürfen kommen und gehen. Ich kann denken und fühlen was ich will!

Hier noch mein Traum von heute Nacht, der meine Erlebnisse auf den Punkt bringt:

7.1.2026

Ich laufe mir Ljubo in einen dunklen Gang. Da ist ein gefährlicher, starkre Minotaurus der auf eine Tür einhämmert und wir greifen ihn an. Wir kämpfen lange mit ihm ohne dass es was bringt. Der Kampf ist sehr anstrengend. Szenenwechsel, ich bin in einem Stadtzentrum und da sind viele Leute. Der Minotaurus erscheint wieder und berührt Menschen die darfaufhin erstarren und sterben. Ich habe große Angst vor ihm, Ich renne weg und habe das Bild von einem Kind das zum Erwachsenen wird im Kopf, was dazu führt dass ich schneller wegrennen kann. Ich komme an einen Zug mit vielen freundlich aussehenden Menschen. Ich habe den Plan weit weg vom Minotaurus zu reisen, meinen Onkel anzurufen und mit ihm irgendwo hinzufahren wo es sicher ist

Bedeutung

Der Minotaurus steht für die Angst die ich immer noch bekämpfe, was nichts bringt oder davon weglaufe und sie unterdrücke, was kurzfristig etwas Erleichterung bringt aber auch keine Dauerlösung ist. Ich muss so weit möglich die ANgst akzeptieren und mich ihr stellen, in einem Tempo das verträglich für mich ist. Die Tür auf die der Minotaurus einhämmert könnte für mein innerstes Wesen stehen dass sich vor schlechten Gedanken schützt.

Transformation

Ich bin wieder beim Zug mit den netten Leuten und freue mich auf die Reise. Dann taucht doch noch das Monster auf. Es gibt eine göttliche Intervention. Ein helles Licht strahlt vom Himmel herab und leuchtet das Monster an. Es verwandelt sich und mutiert zu einer kleinen niedlichen Ente dier völlig ungefährlich ist. Ich nehme die Ente in die Hand und setze sie in einen nahegelegenen Teich wo sie schwimmen darf. Ich sage der Ente Lebewohl und steige in den Zug, wir fahren in ein tolles christliches Ferienlager wo ich viel Spaß haben werde.

Fazit

Es gilt, auf den Körper zu hören und ihn nicht mehr als Feind zu betrachten. Der Körper ist schlau und hat alle Mechanismen die er braucht um sich zu regulieren, wir müssen ihn nur lassen.

Haben Sie auch neue Erfahrungen mit neurogenem Zittern oder TRE gemacht? Welche Körpersignale habe Sie früher „bekämpft“? Schreiben Sie gerne in die Kommentare oder schreiben mir eine E-Mail. Ich freue mich darüber.