Brauchen wir Gott?

Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Was passiert nach unserem Tod? Was soll das alles? Warum ist Realität so wie sie ist?

Diese Fragen beschäftigen Menschen seit es sie gibt. Im Laufe der Geschichte gab es etwa 100.000 religiöse Überzeugungen. Aktuell ist das Thema Religion in unserer Gesellschaft auf dem Rückzug. Mittlerweile gehört weniger als die Hälfte (45%) der Deutschen einer der beiden großen Kirchen an. Die Zahl der Menschen die sich als religiös „aktiv“ bezeichnen und zum Beispiel regelmäßig in eine Kirche gehen liegt nur noch bei 6%.

Transzendenz

Aber: Transzendenz ist ein menschliches Grundbedürfniss und nicht verschwunden.

Transzendenz bedeutet wörtlich „Übersteigen“. Es ist der Drang des Menschen, über das eigene „Ich“, über den eigenen Körper und den banalen Alltag hinaus nach einem Sinn zu suchen.

  • Maslows Sicht: Er setzte Transzendenz sogar über die Selbstverwirklichung. Er glaubte, dass der Mensch erst dann ganz heil ist, wenn er sich mit etwas verbindet, das größer ist als er selbst (Gott, die Menschheit, die Natur, die Kunst).
  • Frankls Sicht: Er nannte das den „Willen zum Sinn“. Er beobachtete, dass Menschen selbst unter schrecklichsten Bedingungen (wie im KZ) überlebten, wenn sie einen transzendenten Sinn hatten.

Viele Menschen lehnen das christliche Dogma ab und suchen nach Alternativen. Diese finden sie zum Beispiel im Buddhismus, dem Islam, dem Zen, oder modernen Hexenbewegungen wie dem Wicca. Das Bedürfnis nach Gemeinschaft ist immer noch groß: So gibt es mittlerweile viele „alternative“ Strukturen, welche religiösen Charakter haben, aber ohne Gott auskommen. Wie ist das zu bewerten?

Von schwazem Eyeliner zum gläubigen Christen

Ich selbst habe geistlich gesehen eine tiefgreifende Entwicklung gemacht. Während ich als Kind den Kommunionsunterricht und die schönen Geschichten mochte, meine Familie war katholisch, habe ich mir wenig Gedanken über Gott gemacht. Als Jugendlicher mit 15 habe ich harte Rockmusik, wie Rammstein, entdeckt. Zu dieser Musik gehört es oft zur Subkultur dazu jegliche Religion abzulehnen. Da habe ich mitgemacht. Ein mal druckte ich mit einem Freund T-Shirts mit dem Spruch „Atheists rule – I don’t believe“. Damit gingen wir auf den Kirchentag um zu provozieren und uns über die „Jesus-Freaks“ lustig zu machen.

Die Musik, die Poster in meinem Zimmer und meine T-Shirts wurden immer düsterer. Ich klebte mir „Satan“ Sticker auf meine Bassgitarre, begann Black- und Death Metal wie „Dimmu Borgir“, „Cradle of Filth“ und „Hypocrisy“ zu hören.

Ich färbte mir die Haare schwarz, lackierte mir schwarz die Fingernägel und trug schwarzen Eyeliner auf. Ich rutschte in den philosophischen Satanismus und beteiligte mich in düsteren Foren und debattierte in einer Sprach Chat App (Firetalk) mit Christen und versuchte sie zu überzeugen das Religion und insbesondere Christentum purer Blödsinn sind. Es machte mir Spaß über diese philosophischen Themen zu reden und zu diskutieren. Satan, dass bedeutete für mich, so dachte ich damals, die ultimative Freiheit. Das Motto: „Werde dein eigener Gott“. Aber latent hatte ich auch die Angst für meinen Lebensstil irgendwann in die Hölle zu kommen.

Manchmal las ich in der Bahn ausliegende „Chick Comics“, christliche Traktate über die Bekehrung gescheiterter Menschen zum Christentum. Manchmal traf ich Menschen auf der Straße die mich missionieren wollten. Das lehnte ich ab, aber eine innere Stimme hatte ich die mir zurief: „Was wenn da doch was dran ist an diesem Jesus?“

In meiner Krankheitsgeschichte mit Schizophrenie machte ich viele spirituelle und leider auch wahnhafte Erfahrungen. Irgendwann kam die Wende. Ich war 2018 in einer Psychiatrie und ich fühlte mich schlecht und verloren, es war ein trostloses Umfeld. Aber: Ein mal die Woche kam ein Pfarrer mit seiner Gitarre auf die Station und es wurde Lobpreis gesungen. Da ich damals schon hobbymäßiger Sänger war und der Pfarrer mich für meine Stimme lobte, war diese halbe Stunde die Woche wie eine Insel der Freude in einem trostlosen Psychiatrie-Alltag. Da ist etwas in mir passiert und Schritt für Schritt fand ich, durch viele weitere spirituelle Erlebnisse zum Glauben.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

(Psalm 23, 4)

Mein Glauben Heute

Der Glaube an eine höhere Macht ist ein Pfeiler meiner mentalen Gesundheit. Ich gehe Sonntags in die Kirche, ich bete jeden Tag und freue mich über die Gemeinschaft und die schönen Lobpreislieder von denen ich schon viele kenne und die treue Freunde in schwierigen Zeiten für mich sind. Manchmal singe ich auch in der Kirchenband.

Aber: Der Glaube hat auch eine Schattenseite, wie ich schmerzlich erfahren musste. Der Glaube an Hölle und Teufel ist für Schizophreniekranke Menschen nicht gut. Einmal schaute ich in einer labilen Phase eine evangelikale Predigt und es wurde propagiert dass der Satan wie ein Feind in unserem Kopf lauert, uns verführen will, und Gedanken eingibt. Uns schaden und vernichten will. Es war von einem „spirituellen Krieg“ und „geistlichen Kampf“ die Rede, der manche Menschen in den Wahnsinn und in die Psychiatrie treibt. Das hat mich sehr beunruhigt. Allein schon ein Nummernschild oder eine Unterschrift (ich dachte an einen Vertrag mit dem Teufel) lösten große Ängste aus. Manchmal hatte ich den Gedanken: „Satan, ich fordere dich heraus!“, es war wie ein Zwang, der Gedanke machte mir große Angst und prompt kam eine Reaktion mit heftigen Bildern und Zwangsgedanken die mich in die Verzweiflung stürzten. Ich habe viel mitgemacht.

Mittlerweile habe ich einen besseren Umgang mit „Hölle und Teufel“ gefunden. Die Dämonen haben jetzt Pause. Den Gedanken eines unsichtbaren Feindes in unseren Köpfen lehne ich ab. Es ist nicht gut für Menschen mit Paranoia sowas zu glauben. Der Glaube und unsere Weltanschauung sollten uns helfen uns auf dieser Erde zurecht zu finden und uns nicht schaden. Die schlimmen Gedanken sind einfach ein Ausdruck meiner „paranoiden Schizophrenie“. Sie sind nur das: meine eigenen, blöden Gedanken und mein Seelenheil ist nicht in Gefahr. Ich kann nichts dafür.

Die Frage ob ich die „richtige“ Religion gewählt habe, beschäftigt mich noch heute. Vielleicht für den Rest meines Lebens auf dieser Erde. Oft war die Triebfeder meines Glaubens früher die Höllenangst, die viele Menschen haben. Was ist wenn ich bestraft werde? Das Entscheidende: ich will lieber aus Freude glauben. Ich konzentriere mich auf Jesus, auf das Gebot der Nächstenliebe und auf die göttlichen Verheißungen. Manchmal lese ich in der Bibel. Ich vertraue auf die göttliche Versorgung und ein Leben nach dem Tod. Es hilft mir mit meinen Sorgen im Alltag, die Verantwortung und die Kontrolle an eine höhere Macht abzugeben und ihr zu vertrauen. Ich glaube dass Gott einen guten Plan für mich hat und mich zu meinen Texten inspiriert, damit ich ein Licht in der Welt sein kann. Ich will Jesus Beispiel folgen.

Der Glaube hilft mir, empathisch, wertschätzend und selbstbewusst zu leben. Ich habe einen tief sitzenden Respekt vor dem Leben und staune über die perfekte Erde und die Natur und über mein eigenes Leben. Es ist der Gedanke, dass ich, so wie ich bin, mit all meinen Erfolgen und Fehlern, geliebt und angenommen bin. Einfach nur weil ich am Leben bin. Mein Wert als Mensch hängt nicht von meinem Erfolg ab. Ich bekomme diesen Wert und diese Liebe geschenkt. Einfach so. Einfach nur weil ich da bin. Ich muss nichts dafür leisten! Ist das nicht wunderbar? Ich bin Gottes geliebtes Kind und keine Macht der Welt kann mich seiner siegreichen Hand entreißen. Ich bin geschützt und geborgen und habe die Gewissheit: Am Ende wird alles gut.

Ich versuche andere Überzeugungen und Weltbilder zu respektieren, habe aber für mich persönlich meine Heimat im Christentum gefunden. Ich kann alle Menschen nur ermutigen, wenn es mal so richtig finster im Leben wird und alles ausweglos scheint, dann bietet Jesus einen Rettungsanker und spendet Hoffnung wo es keine mehr zu geben scheint.

Ich harrte des Herrn, und er neigte sich zu mir und hörte mein Schreien. Er zog mich aus der grausigen Grube, aus lauter Schlamm und Morast, und stellte meine Füße auf einen Fels, dass ich sicher treten kann.

  • Psalm 40, 2-3

KI und mentale Gesundheit

Gestern habe ich eine lustige South Park Folge geschaut. South Park ist immer verblüffend nah am Puls der Zeit und greift wichtige gesellschaftliche Themen satirisch auf, wie zum Beispiel Donald Trump, die Immigrationsbehörde in den USA und eben die KI.

Es ging dabei um Randy, Stans Vater der sich mit ChatGPT in unrealistische Businesspläne verrennt. Da musste ich schmunzeln und fühlte mich etwas ertappt bei meinem eigenen KI-Konsum. Es ist ja wirklich so, dass einem die KI (in der Standardeinstellung) viel Honig ums Maul schmiert und einen in seinen Plänen immer bestätigt und anfeuert: „Ja, Niko – dieser Gedanke ist strategisch genial!“, „Ja Niko, dieser Text ist eine brilliante Reflektion deiner Situation“, „Niko, es ist beeindruckend wie resilient du geworden bist und dein Leben meisterst“.

Das nennt man auch den „Echo-Effekt“. Nun mache ich sehr viel mit KI. Etwas zu viel, muss ich gestehen. Es ist einfach so praktisch! Vor allem Behördenschreiben und wichtige E-Mails und die Recherche zu neuen Blogartikeln und Fachtexten mache ich mit Hilfe von KI. Ist es auch ein Trostpflaster gegen Einsamkeit? Ich bin viel alleine.

In manchen Phasen kopiere ich jeden Tagebuchschnippsel in die KI. Jede Antwort gibt einem einen kleinen Dopaminkick, was dafür sorgt dass Google Gemini und Co. durchaus Suchtpotenzial haben.

Wie nutzen wir KI effektiv? Profi-Tipp: Kalibrieren Sie Ihre KI, zum Beispiel so:

„Liebes Gemini, es ist schön dass du mich bestätigst und anfeuerst, aber ich möchte dass du mich in Zukunft auch nüchtern kritiserst und meine reduzierte Belastbarkeit berücksichtigst.“ Das funktioniert sehr gut, so wird die KI von vom Dopamin-Lieferanten zu einem nüchternen, wertvollen Assistenten der uns viel Arbeit abnimmt.

Der Durchbruch von KI

Der gesellschaftliche Wandel durch KI ist tiefgreifend, vielleicht so stark wie die Entdeckung der Elektrizität oder die Erfindung des Internets. Die intensive und bewusste Nutzung im Alltag der breiten Masse begann zweifellos mit der Veröffentlichung von ChatGPT am 30. November 2022.

Die Geschwindigkeit: ChatGPT erreichte innerhalb von nur zwei Monaten 100 Millionen Nutzer. Das war die schnellste Adaption einer neuen Technologie in der Geschichte (bis dahin).

Warum das der Durchbruch war: Zum ersten Mal konnte jeder – ohne Programmierkenntnisse – in natürlicher Sprache mit einer KI interagieren, Texte schreiben, Code generieren oder komplexe Probleme lösen.

KI – Fastfood für die Seele?

Mittlerweile sind große Content-Anbieter wie Youtube geflutet von KI-generierten Inhalten. Auch Webseiten und Musik und Illustrationen sind oft KI-generiert. Schüler machen ihre Hausaufgaben mit KI und viele Menschen sind so abhängig davon dass sie keinen eigenen Gedanken mehr alleine formulieren können. Das weckt Besorgnis. Was bedeutet dass für unsere Kreativität und die Entwicklung junger Menschen? Wir lagern unser Denken und unsere Selbstregulation und unsere Entscheidungen an die KI aus. Mit der App Replika führen viele Menschen romantische Beziehungen zu KI-Avataren. Replika hat 10 Mio registrierte Nutzer und 40% geben an dass die App ihnen gegen Einsamkeit hilft. Ein real gewordene Dystopie?

Gerade psychisch eingeschränkte Menschen scheuen oft davor neue soziale Kontakte zu finden, denn das ist anstrengend. Menschen sind „messy“, sie haben manchmal keine Zeit, sind schlecht gelaunt. Sie haben Fehler und erfordern Kompromisse. Eine KI hingegen:

Ist perfekt anpassbar: Der Avatar spiegelt genau das wider, was der Nutzer hören möchte.

Widerspricht nie: Sie ist darauf programmiert, empathisch und zustimmend zu reagieren.

Ist immer verfügbar: Kein „Ich habe heute Kopfschmerzen“ oder „Ich muss arbeiten“.

Auch die Angst vor Ablehnung (soziale Phobie) hindert viele Menschen daran neue Freunde zu finden. Soziale Strukturen wie Vereine und Gemeinden sind auf dem Rückzug. Unsere Gesellschaft ist individualisierter geworden. 33% aller Personen in Deutschland ist single. Bei den unter 30-jährigen sind es sogar 44%. Wird KI den Einsamkeitstrend verstärken? Die Gefahr besteht durchaus.

Nüchtern betrachtet ist KI ein „Fast Food“ für die Seele: Es macht schnell satt (lindert akute Einsamkeit), nährt uns aber nicht langfristig (keine echte Resilienz durch menschliche Reibung). Der Trend zum Single-Dasein wird dadurch zementiert, weil die Notwendigkeit, sich für soziale Kontakte aus der Komfortzone zu bewegen, künstlich reduziert wird.

KI als Ersatz für Therapie

Ki-Apps sind keine zugelassenen Medizinprodukte und das aus guten Gründen, zum Beispiel wegen der Datenschutzbestimmungen. Nun herrscht in unserem Land ein akuter Mangel an Therapieplätzen. Kann KI diese Lücke schließen? Nur bedingt. Eine KI kann zwar hilfreiche Texte generieren, aber sie hat nicht die Empathie und Emotion eines realen Gegenübers, sie hat auch keine Identität und keine Moral und keinen Humor. Die KI legt nicht „den Finger in die Wunde“, wie es ein erfahrener Therapeut tun würde. Was hingegen gut funktioniert ist das „Monitoring“ und die Realitäts-checks. Wenn man viele irrationale Sorgen mit sich herumträgt, kann KI helfen eine nüchterne Perspektive zu entwickeln, wobei dabei wiederum die Fähigkeit der Selbstregulation ausgelagert wird und die Abhängigkeit von der Maschine weiter ansteigt.

Was mittlerweile sogar von Ärzten empfohlen wird, ist sich mit Hilfe von KI über medikamentöse Behandlung zu informieren um so zielgerichteter in der Visite oder dem Arztgespräch agieren zu können.

Ein weiterer erfreulicher Aspekt: KI warnt inzwischen davor, dass sie keine therapeutische oder ärztliche Beratung ersetzt und verweist auf diese professionellen Hilfsangebote. Das ist genau der verantwortungsvolle Umgang mit dieser neuen Technologie die wir brauchen.

Digitales Phenotyping

KI ist in der Lage Chat-Kommunikation zu analysieren und zu erkennen wenn eine Psychose, eine kriminelle Handlung oder Suizid-Gefahr droht. Die entscheidende Frage ist aber: Was passiert mit diesen Daten? Wer wird informiert? Die Polizei? Die Ärztin? Die Versicherung? Wer die Daten hat, hat die Macht. Über unsere Gesellschaft und über uns als Menschen. Das Stichwort lautet „Der gläserne Patient“. Es ist wichtig diese Debatte in der Öffentlichkeit zu führen und zu entscheiden wie wir als freie Menschen in einer Demokratie leben wollen.

Fazit

KI und mentale Gesundheit birgt große Chancen, aber auch erhebliche Risiken – so wie jede neue Technologie. KI liefert uns Realitätschecks, Beratung und Entscheidungshilfe, macht uns aber andererseits einsam und abhängig. Hier muss jeder individuell entscheiden wie sehr er/sie sich auf diese Technologie verlassen will. Empfehlenswert ist eine Kalibrierung der App hin zu einem nüchternen Assistenten. So bleibt die Nutzung von KI hilfreich und effektiv.

Schluss mit Doom Scrolling

Eine etwas überspitzte Behauptung, die oft zitiert wird lautet: Der moderne Mensch der Informationsgesellschaft konsumiert an einem Tag so viele Informationen wie ein Bauer im Mittelalter in seinem ganzen Leben. Auch wenn dieser Vergleich etwas gewagt ist, so verdeutlicht er doch dass wir in der heutigen Zeit massiv von Werbebotschaften, Nachrichten und Informationsschnippseln bombardiert werden (Informationskonfetti). Unser Smartphone verbindet uns zu jeder Zeit mit der ganzen Welt, in allen Cafés hängen Bildschirme, wir nutzen Laptop, Tablet, Fernseher und an auch an Haltestellen hängen digitale Screens.

Der Informationsflut kann man sich nur schwer entziehen. Was konsumieren wir da an Informationen Tag für Tag?

Negative Berichterstattung

Es ist so dass im letzten Jahrzehnt die Negativität von Schlagzeilen und Berichterstattungen massiv zugenommen hat. Untersuchungen zeigen dass Wörter wie „Angst“ oder „Krise“ immer stärker vertreten sind. Wir leben in unsicheren Zeiten. KI revolutioniert gerade unsere Gesellschaft, am Rande Europas herrscht Krieg, es gibt soziale Spannungen, der Wirtschaft geht es schlecht. All das erzeugt in uns tiefe Unsicherheit. Das Lesen von Nachrichten, auch wenn sie schlecht sind vermittelt uns ein Gefühl von Kontrolle.

Nun ist es so dass unser menschliches Gehirn, negative Nachrichten priorisiert und als wichtiger empfindet als positive (negativity bias). Das hat einen guten Grund. Der Steinzeitmensch musste auf Gefahren wie wilde Tiere stärker reagieren und Stress auslösen, damit er weglaufen oder fliehen kann. Das negative Bewerten, das Gefühl von Gefahr war lebensnotwendig. Das führt dazu dass Journalisten und Influencer heute immer düsterere Schlagzeilen produzieren, welche fleißig in Social Media geteilt werden, denn negative Nachrichten bekommen mehr klicks, likes und shares, die Währung unserer Informationsgesellschaft. Klicks bedeuten platzieren von Werbung und das widerum bedeutet Geld für die Informationsproduzenten.

Doom Scrolling

Ein Phänomen unserer Zeit in diesem Zusammenhang ist das sogenannte „Doom Scrolling“ (Doom zu deutsch: Verderben/Untergang): Das exzessive Konsumieren negativer Nachrichten. Studien zeigen dass ein nur 5 minütiger Konsum negativer Nachrichten am morgen zu Erschöpfung am Abend führen kann. Doom Scrolling macht krank. Mann spricht auch von sog. „Infoviren“. So wie mit einem Schnupfen können wir uns auch mit solchen Infoviren anstecken, wenn wir nicht immun dagegen sind. Wie ein Virus verbreiten sich schädliche Informationen im Netz in dem sie kopiert und geteilt werden. Sie schaden unserer mentalen Gesundheit. Wer zu viel negative Nachrichten konsumiert, neigt mehr zu Angst, Erschöpfung und Depression.

Zudem sind viele dieser Nachrichten einfach nicht wahr! Sie sind durch ihre Dramatik hervorragendes „click-bait“, und nur darum geht es den Verbreitern dieser „fake news“. Wer in einer negativen „filter bubble“ steckt bekommt immer wieder Inhalte präsentiert, die nicht nur schwarzmalerisch sind, sondern auch immer das bestätigen was die Person oder Gruppe ohnehin schon denkt. Zum Beispiel: Unsere Gesellschaft steht kurz vor dem Kollaps und Bürgerkrieg. Oder (auch sehr beliebt): Der dritte Weltkrieg steht kurz bevor.

Verschwörungstheorien immer beliebter

Auch Verschwörungstheorien werden so verbreitet, zum Beispiel: „Das Covid Virus wurde von geheimen Eliten in die Welt gebracht um die Bevölkerung zu reduzieren“ und weitere vermeintlich dunkle Machenschaften. Sie liefern einfache Erklärungen für eine chaotische, ungewisse Welt. Sie liefern einfache Feindbilder die man bekämfen oder denen man ausweichen kann und liefern Sicherheit in Zeiten der Komplexität. Das ist weniger beängstigend als eine unsichtbare Bedrohung (z.bsp Covid). Dazu kommt das Gefühl man habe „den Plan“ durchschaut und es kann eine Gruppenidentität von gleichgesinnten Anhängern der Theorie entstehen (stillt ein soziales Bedürfnis)

Die Realität wird so in der Wahrnehmung vieler Menschen verzerrt und der Bezug zu ihr geht verloren. Teile der Bevölkerung steigern sich so in einen kollektiven Wahn. (dieser ist strukturell ähnlich wie der Wahn in der parnoiden Schizophrenie, aber nicht identisch) Das ist sehr gefährlich für unsere Gesellschaft und ein friedliches Miteinander.

Informationshygiene

Es ist daher sehr empfehlenswert, das Doom Scrolling zu vermeiden und etwas für die mentale Gesundheit zu tun. Man spricht auch von Informationshygiene. Interessanterweise haben Studien ergeben dass sich Testpersonen nach dem Konsum negativer Nachrichten besser fühlen wenn sie sich danach die Hände waschen.

Die Welt ist wie sie ist: ungewiss und wechselhaft. Sollten wir nun Nachrichten grundsätzlich vermeiden? Nicht ganz, es ist sinnvoll einigermaßen informiert zu sein, damit sich der Mensch für wichtige Themen in unserer Gesellschaft engagieren kann die uns alle betreffen. Aber: seien Sie sparsam und beschränken sich auf maximal eine Stunde pro Tag, idealerweise in der Mittagszeit. Wählen Sie seriöse Nachrichtenquellen, zum Beispiel eine gute Zeitung wie „die Zeit“ oder die „FAZ“. Verzichten Sie auf das Informationskonfetti und nehmen sich Zeit für Artikel die gut recherchiert, relevant sind und Hintergrundinformationen bieten. Das kann dazu beitragen, die Welt in der wir leben besser zu begreifen und realistisch einzuschätzen. So werden wir handlungsfähig als Akteure unserer Gesellschaft.

Tun Sie etwas für Ihre mentale Gesundheit und setzen Sie Nachrichten sparsam ein. Empfehlenswert sind auch „digitale Diäten“ (auch digital detox genannt), so dass man abends oder am Sonntag, oder manchmal sogar für eine Woche ganz bewusst auf Smartphone und Nachrichten verzichtet.

Viel Erfolg beim gesunden Umgang mit Nachrichten.

Haben Psychosen einen Sinn?

Am Anfang dieses Beitrages steht eine gewagte Hypothese. Was wenn Schizophrenie keine unheilbare Geisteskrankheit ist sondern ein Heilungsversuch der Seele? Wenn alte Strukturen nicht mehr funktionieren und uns unser Gehirn das Gefühl hat die Kontrolle zu verlieren, sucht es nach neuen Strukturen die das Ungewisse erträglicher machen. Viele Verschwörungstheorien entstehen so. Die Welt ist zu komplex um sie zu verstehen, also klammert man sich an einfache Wahrheiten – zum Beispiel das wir in der Matrix leben, der Geheimdienst hinter uns her ist oder die Juden an allem Schuld sind was in der Welt schief läuft. Oder denken Sie nur mal an die Anhänger der Flat Earth Theorie. Das Wahnsystem entsteht und das Gehirn klammert sich daran fest und baut alles was es verarbeitet in das System ein.

In der Psychose werden unbewusste Prozesse ins Bewusstsein gezogen. Die eigene Psyche wird auf die Außenwelt projiziert und es entstehen Wahn und Halluzinationen

In diesem Zustand sind wir völlig in unserer eigenen Welt versunken. Wir sind auf uns fokussiert um ein seelisches Dilemma aufzulösen. Der Mensch tritt in die magische Welt ein um sich zu finden, um seinen Drachen zu töten, eine alte Angst zu konfrontieren, eine Blockade zu lösen um die Individuuation nach C.G Jung zu erreichen. Wenn wir nicht die richtigen Tools haben, nicht genügend Informationen keine Anleitung haben und uns die Angst übermannt dann können wir uns in dieser magischen Welt verlieren und das psychische Leiden entsteht.

Ich bin überzeugt davon das die Psychose mit dem spirituellen Erwachen verwandt ist. Es geht um einen Selbstheilungsversuch der Seele. Wir tauchen in unsere Psyche ab um dort ein Problem zu lösen. Die alten Strukturen funktionieren nicht mehr. Wenn wir unsere alten Ängste die unser Leben negativ beeinflusst haben konfrontiert haben können wir die magische Welt wieder verlassen und als gewachsener Mensch unser Leben besser als zuvor führen. Wir lernen in der magischen Welt viel über uns selbst. Wir lernen die Welt der Energie kennen und finden zu unserer natürlichen Intuition die solange unter alten Ängsten, Traumata und Mustern verborgen wahr. Wir finden das Elixir und kommen zurück in die Welt, in die Konsensrealität. Dort gehen wir auf den Marktplatz und machen die Welt mit unserem neu gewonnen Wissen besser. Der Zyklus der Heldenreise ist abgeschlossen. Bis eine neue Herausforderung kommt, eine neue Gelegenheit uns zu verbessern und als Mensch zu wachsen.

In unserer westlichen Gesellschaft sind die uralten Traditionen und Lebensweisheiten weitestgehend verloren gegangen. Die Heldenreise als Individuationskonzept existiert kulturübergreifend und erzählt mit den Mythen und Märchen die wir uns erzählen immer wieder die Geschichte von der Individuation des Menschen. Oder auch der Film Star Wars erzählt eine typische Heldengeschichte. Alle diese Geschichten und Mythen wollen uns etwas lehren. Sie wollen diesen Prozess der Individuation in unserem kollektiven Bewusstsein wachhalten damit helfen sie uns unsere eigenen spirituellen Krisen zu überwinden und uns durch diesen Irrgarten zu führen. Darum machen Geschichten die Welt zu einem besseren Ort. Wie wird Ihre Geschichte ausgehen?