Derealisierung

Wenn ich in die Stadt gehe oder unter vielen Menschen bin, wie zum Beispiel in der Vesperkirche in Ludwigsburg wo ich zur Zeit täglich zum Mittagessen hingehe, leide ich an Derealisierung, ein typisches Symptom der Schizophrenie, die aber mehr als ein Krankheitssymptom sondern ein Schutzmechanismus des Gehirns ist wie wir später sehen werden.

Was ist Realität

Realität ist etwas sehr seltsames. Unsere Gehirne nehmen Informationen über unsere Sinne auf und konstruieren daraus dass was man Realität nennt.

Realität (vom lateinischen realitas, zu res „Ding“, „Sache“) bezeichnet im weitesten Sinne die Gesamtheit dessen, was tatsächlich existiert – im Gegensatz zum bloß Eingebildeten, Möglichen oder Fiktiven.

Die Konstruktion unserer Realität ist eine gewaltige Teamleistung verschiedener Gehirnareale: Der Thalamus fungiert als Pförtner, der Sinnesreize filtert, während der Präfrontale Kortex diese Daten logisch bewertet. Die Insula sorgt für das körperliche „Ich-Gefühl“ und der Hippocampus gleicht alles mit vertrauten Erinnerungen ab, um die natürliche Selbstverständlichkeit zu erzeugen.

Was aber Realität genau ist und warum sie so ist, das ist eine philosophische Frage und das weiß keiner so ganz genau. Große Denker haben sich durch die Jahrhunderte den Kopf darüber zerbrochen.

Kant lehrte, dass wir die Welt niemals objektiv so sehen können, wie sie wirklich ist. Unser Gehirn trägt eine Art „Brille“, die alles durch die Filter von Zeit und Raum ordnet. Wenn wir Derealisierung erleben, dann verrutscht diese Brille.

„Wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern wir sehen sie so, wie wir sind.“ – Immanuel Kant

Platon war der Überzeugung, dass das, was wir im Alltag als „Realität“ wahrnehmen, nur ein schwacher Abglanz der wahren Welt (der Welt der Ideen) ist.

Das Bild: Gefangene sitzen in einer Höhle und sehen nur die Schatten von Objekten auf einer Wand. Für sie sind diese Schatten die einzige Realität. Erst wenn einer aufsteht und hinausgeht, sieht er die „echten“ Dinge und die Sonne.

Die philosophische Schule: Existentialismus

Im Existentialismus gibt es keine vorgegebene „Selbstverständlichkeit“. Dass wir uns manchmal fremd in der Welt fühlen, ist für Sartre kein Fehler im System, sondern die Erkenntnis der absoluten Freiheit. Wir sind „verurteilt“, wir selbst zu sein. Wenn die Fassade der Gewohnheit (die Selbstverständlichkeit) bröckelt, sehen wir die nackte Existenz.

„Das Handeln ist das einzige, was dem Leben Sinn gibt.“ (Jean-Paul Sartre)

Verlust der Selbstverständlichkeit

Wundern Sie sich nicht auch manchmal darüber, dass alles so ist wie es ist? Schauen Sie manchmal in den Spiegel und denken „Hm, das bin ich. Wie merkwürdig. Warum ist das so?“, „Warum leben wir auf dieser perfekten Welt, was soll das alles“? ´Das nennt man auch „Verlust der Selbstverständlichkeit“, wir stellen alles was wir über das Leben gewohnt sind in Frage und wundern uns darüber. Mir hat in letzter Zeit der Gedanke geholfen: „Ok, die Welt ist einfach so wie sie ist. Wir sind Menschen die auf der Erde leben, das IST einfach so! Alles stinknormal und kein Problem.“

Die Welt ist schön und perfekt so wie sie ist. Wir dürfen auf dieser schönen Erde leben und uns in ihr entfalten. Wir können beginnen die Realität zu genießen! Ein Grund sich zu freuen!

Derealisierung als Schutzmechanismus

Warum erleben wir Derealisierung? In der Schizophrenie kennen wir auch den Begriff der „Filterstörung“, die sehr beängstigend sein kann. Das Gehirn schaltet in einen Sicherheitsmodus. Wir sind wie „in Watte gepackt“ und alles scheint uns wie „in einem Film“. Gesichter von Menschen können überintensiv wirken Das schützt uns vor Reizüberforderung, starken emotionalen Reaktionen und existenzieller Angst. Ich persönlich erlebe die Gesichter von Menschen als überintensiv und manchmal sogar etwas dämonisch, vor allem bei alten und kranken Menschen. Ich mache mir klar dass das eine subjektive Wahrnehmung ist und nicht die Realität. Es ist manchmal wie in einer Geisterbahn zu sitzen. Wir sehen beunruhigend Dinge, sind aber sicher in unserem Waggon und beobachten einfach das Geschehen. Irgendwann ist auch diese Fahrt vorbei.

Projiziere ich die Gesundheit eines Menschen visuell auf seine/ihre Gesichtszüge? Ist es vielleicht eine empathische Superkraft in meiner Wahrnehmung? Wie könnte mir das irgendwann nützen in meiner Arbeit als Coach?

Mit Derealisierung umgehen, Realitätsanpassungstraining

Derealisierung kommt und geht. Wir müssen sie erst mal akzeptieren. Holen Sie sich immer wieder in die Realität zurück: Was ist JETZT? Was kann ich sehen und anfassen? Die Menschen sind einfach so und sehen so aus. Ich akzeptiere das. Sagen Sie sich „Danke liebes Gehirn dass du mich jetzt durch Derealisierung schützen willst. Ich weiß ich bin nicht in Gefahr“. Es ist gar nicht schlimm die Welt manchmal so zu sehen. Das geht vorbei wenn sich der Stress wieder reduziert und wir können uns daran gewöhnen. Unser Leben ist nicht in Gefahr, also kein Grund sich zu fürchten.

Gestern war ich wieder in der Vesperkirche zum Essen und saß am Tisch und freute mich über mein gutes und günstiges Essen. Ich beobachtete die Menschen und die schöne Innengestaltung der Kirche und dachte: „Ok, das ist einfach so. Kein Problem, bald zuhause in meinem safe space“.

Der Derealisierungs-Effekt war aber deutlich milder als noch am Tag zuvor. Ich war also in der „Lernzone“ und mein Gehirn lernt langsam dass es nicht in Gefahr ist.

Heute gehe ich wieder in die Vesperkirche. Vielleicht wird es heute noch ein bisschen besser?

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